Aletschgletscher: Die ewige Geduld bröckelt auch hier

Aletschgletscher

Noch bevor der Kanton Wallis Ende Oktober einschneidende Anti-Corona-Massnahmen ergriff, hat Eva Hirschi die Aletschregion besucht. Ein Ort, an dem die Zeit weniger stillsteht als auch schon.

Er liegt da wie eh und je, jedes Jahr ein paar Zentimeter dünner, gewiss, aber seine Schichten sind so dick, dass der Verlust von blossem Auge kaum wahrnehmbar ist. Mit seinen 23 Kilometern ist der Aletschgletscher im Kanton Wallis der längste Eisstrom der Alpen.

Die Corona-Pandemie ist für den weissen Riesen wohl nur ein kleines Kapitel in seiner über 18’000-jährigen Geschichte. Das Rad der Zeit hat auch sein Gesicht gezeichnet; tiefe Kerben spalten seine Oberfläche, darin fand schon manch einer das ewige Leben. Die Seelen dieser Geister, so erzählen sich die Walliser die Sage weiter, wandeln in der Nacht über das Eis, auf der Suche nach Wärme.

Der Gletscher war den Anwohnern tatsächlich lange Zeit unheimlich – mehr noch, sie fürchteten ihn, weil er immer wieder Lawinen und Überschwemmungen im Tal verursachte. Da konnte nur Gott helfen! 1678 sprachen die Katholiken von Fiesch bei Papst Innozenz XI. in Rom vor und versprachen ein gottgefälliges Leben, wenn nur der Herrgott der weiteren Ausdehnung des nahen Aletschgletschers Einhalt gebieten würde. Der Papst stimmte zu.

Fortan fanden sich die katholischen Walliser jedes Jahr zusammen, um das Gelübde zu erneuern – bis die Angst sich schleichend in Sorge verwandelte. Denn die Veränderung des Klimas – oder das Gelübde? – liess den Gletscher immer kleiner werden. Vor ein paar Jahren sprachen die Fiescher erneut beim Heiligen Vater vor, dieses Mal mit der Bitte, Papst Benedikt XVI. möge das Gelübde umkehren: Seither wird für einen Halt der Gletscherschmelze gebetet. Ob dem Gletscher die Gebete genügen?

Kraftorte im Eis

Zumindest für die schnellen Veränderungen, die die Welt in den letzten acht Monaten geprägt haben, hat der Aletschgletscher gerade mal ein mildes Lächeln übrig. Geduld, das scheinen die Menschen nicht zu beherrschen – aber er kann gut lachen, mit seiner Seele aus Eis.

Dennoch kommen nicht wenige Menschen genau deswegen hierher: um ihr Herz zu erwärmen. Der Blick auf den einfach so daliegenden Gletscher beruhigt, gibt Kraft. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Gewisse Orte – zufälligerweise jeweils praktisch am Wanderweg gelegen – hat ein Naturenergetiker markiert, da soll es bestimmte Kraftfelder geben. Andere Suchende setzen sich einfach irgendwo abseits des Weges ins Gras und betrachten die an manchen Tagen fast schon blendende Oberfläche.

So wie heute: Es hat geschneit, früh für diese Jahreszeit, Mitte Oktober bereits, doch die Sonne lässt den Gletscher glitzern. Der Weg entlang der Bergflanke, der das Gefühl verschafft, man wandere direkt am Gletscherrand, ist vereist. Kommt der Winter dieses Jahr so früh? Die Ausstellung im Tälligrattunnel jedenfalls musste vorzeitig entfernt werden – zu gross die Angst, dass die beeindruckenden Bilder des Fotografen David Carlier eingeschneit würden.

Auf Schnee aber hoffen die Walliser, bald beginnt die Schneesportsaison, die wichtigste Zeit für den Tourismus und damit die Anwohner. Profitieren tun so manche: Handwerker arbeiten im Winter an den Sesselliften oder präparieren Pisten, Geschäfte machen ihren grössten Umsatz, das Coop, das während der Zwischensaison nur vormittags geöffnet ist, wird von hungrigen Ferienwohnungstouristen überrannt – diesen Winter bestimmt noch mehr als in anderen Jahren.

Ein anderer Alltag

Der Gletscher und auch die Bettmeralp, ein beliebter Ort für Touristen, sind sich der Kontrast zwischen Hochsaison und Zwischensaison eigentlich gewohnt – dieses Jahr jedoch hatte sich das Dorf nicht Schritt für Schritt geleert, sondern auf einen Schlag, mit einer bundesrätlichen Medienkonferenz, die 636’000 Menschen verfolgt hatten, von denen die Meisten bis anhin nicht einmal gewusst hatten, dass solche Medienkonferenzen courant normal sind; auch in Nicht-Pandemie-Zeiten.

Auf der Bettmeralp waren die ohnehin bereits autofreien Strassen – hier oben zirkulieren lediglich ein paar wenige Elektrovehikel – auf einen Schlag wie leergefegt, die Touristenmassen waren weg. Die ersten Schreckenswochen jedoch waren von Solidarität geprägt, man gab Acht aufeinander, oben auf dem Berg, wo man sich oft ohnehin weit weg von den Sorgen des Rests des Landes wähnte. Doch auch Misstrauen und Angst tauchten auf; selbst Bergmenschen sind davor nicht gefeit.

Der Sommer erlaubte es, so gut wie möglich wieder zu einer Art Alltag zurückzukehren – etwas auf Distanz vielleicht, aber anders als im Nachbarskanton Waadt galt in den Hotels noch keine Maskenpflicht, selbst Plexiglas wurde nur dort aufgestellt, wo man die Tische nicht wenigstens ein bisschen hatte auseinanderrücken können.

Gletschertouren und Yogastunden

Vielleicht hatte der Aletschgletscher diese Veränderung gespürt: Noch nie waren so viele Menschen auf seinem Gesicht getrampelt wie diesen Sommer. Gletschertouren waren auf einmal in, die Schweizer entdeckten zahlreiche Unterhaltungsangebote und Freizeitaktivitäten im eigenen Land. Vom Yoga- und Meditationswochenende über Kräutersammeln mit einer jungen Kräuterhexe bis hin zu Waldbaden: Die Bettmeralp hat vielen gezeigt, dass sie nicht nur ein Schneesportort ist.

Trotzdem: Der Wintersaison schauen viele mit Unbehagen entgegen. Jetzt, nachdem zuerst der Kanton und danach auch der Bundesrat neue Massnahmen verhängt hat, umso mehr. Welche Auflagen werden für Schneesportler gelten? Wie hält man Distanz beim Anstehen für den Sessellift? Und wie zieht man eine Gesichtsmaske über den Skihelm? Das Tourismusbüro hat in weiser Voraussicht schon mal einen Schlauchschal mit dem Logo der Aletsch Arena designt und hofft, dass es reichen wird, wenn sich Sportler diese über die Nase ziehen beim Anstehen.

Und was denkt der Gletscher über all das? Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, er stöhne über all dem Gebaren. Bei der Wanderung an dessen Rand hört man es auf jeden Fall immer wieder knacken und rauschen. Vielleicht bröckelt eben doch nicht nur das Eis, sondern auch seine Geduld. Wir verstehen ihn!

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Wer schreibt hier?

Eva Hirschi
ist freie Journalistin und Bloggerin. Während vier Jahren ist sie um die Welt gereist und hat dabei ihre zwei Leidenschaften kombiniert: Das Reisen und das Schreiben. Wegen Corona legt sie nun einen längeren Aufenthalt in der Schweiz ein – was ihr Nomadenherz aber nicht daran hindert, auch in unseren Breitengraden auf Entdeckungstour zu gehen.

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