Eine aussergewöhnliche Flusskreuzfahrt durch russisch Karelien

14 Tage lang mit dem Schiff von Moskau ans Weisse Meer und St. Petersburg. Eine aussergewöhnliche Reise durch russisch Karelien.

Ganz leise und gleichmässig brummt der Motor der MS Thurgau Karelia beim Verlassen von Moskau. Wir lassen die zauberhaften Zwiebeltürmchen der Basiliuskathedrale und die Grossstadt hinter uns. 11 Flüsse, 7 Seen und unzählige Eindrücke liegen vor uns.

Basiliuskathedrale
Märchenhaft wirken die Zwiebeltürmchen der Basiliuskathedrale am Ende des roten Platzes
Moskau
Dann lassen wir Moskau hinter uns

In der geräumigen Kabine mit Balkon richte ich mich häuslich ein. Draussen zieht die Landschaft (dieses Wort gibt es übrigens auch im Russischen) vorbei. Am Flussufer wird geangelt und grilliert. Es ist Wochenende und ein Grossteil der Moskowiter geniesst die kurze Sommerfrische auf dem Lande. Den üblichen Verkehrsstau, den dies jedes Wochenende mit sich bringt, sparen wir uns.

Gemächlich schippern wir auf dem Moskau-Wolga-Kanal in Richtung Norden und sind gespannt, was diese aussergewöhnliche Reise mit sich bringen wird. „Was ist denn an einer Flusskreuzfahrt in Russland so besonders?“, werdet Ihr mit Recht fragen. Nun, an dieser Flusskreuzfahrt ist vieles besonders.

Als erstes das Schiff: Die MS Thurgau Karelia, im Jahre 1962 in Wismar gebaut und ursprünglich auf den Namen MS Popow getauft, ist kein ganz junger Hüpfer mehr. Dementsprechend viel Charme hat sie und auch ein paar kleine Eigenheiten.

MS Thurgau Karelia
Die MS Thurgau Karelia

Auch wenn sie 2019 praktisch runderneuert wurde, hat sie hier und da ein paar Falten behalten, die von ihren früheren Reisen mit vorwiegend russischen Passagieren erzählen. Die alten Motoren lassen ganz sicher das Herz eines jeden Nautikers höherschlagen.

Der alte Motor schnurrt zuverlässig

Die Heiligenbildchen sorgen jedenfalls dafür, dass er immer zuverlässig schnurrt.

Diese Drei sorgen dafür, dass unterwegs nichts schief geht

Ich mag es, wenn Dinge eine Geschichte erzählen. Die Captain’s Corner, ganz vorne im Schiff, hat es mir ganz besonders angetan. Der Raum mit Holztäferung aus karelischer Birke und Nussbaum und mit Samt gepolsterten Möbeln, versetzt mich gedanklich in einen Roman von Agatha Christie. Auch an der entsprechenden Spannung fehlt es während dieser Reise zuweilen nicht. Es ist eine echte Pionierfahrt!

Captains Corner
Die Captain’s Corner ganz vorne im Schiff – einer meiner Lieblingsplätze

Schon die Reiseroute ist ganz besonders. Bisher hat sich noch nie ein Kreuzfahrtschiff mit ausländischen Passagieren an Bord bis ganz in den Norden Kareliens, ans Weisse Meer, gewagt. Die modernen Kreuzfahrtschiffe sind zu breit für die Schleusen im Norden. Die MS Thurgau Karelia passt gradeso noch durch. Eine Handbreit rechts – äh, Entschuldigung: Steuerbord – und eine Handbreite links, bzw. Backbord. Mehr Platz hat es in einigen Schleusen des Weissmeer-Ostsee-Kanals tatsächlich nicht. Da ist Millimeterarbeit vom Kapitän und seiner Mannschaft gefragt.

Thurgau Karelia
Die Thurgauer Apfelkönigin tauft die MS Thurgau Karelia bevor sie auf Pionierfahrt geht

Die MS Thurgau Karelia trägt mich sanft, 14 Tage lang, sozusagen wie im Schlaf nach und durch Karelien. Wenn ich wach bin geniesse ich den Ausblick über die Taiga und über das Wasser. Die Weite und Natur im Überfluss tut gut, auch wenn es mir als eher unruhigem Geist zuweilen schwer fällt nur zu sitzen und zu staunen. Dem nur sporadisch funktionierenden Internet ist es geschuldet, dass ich auch das auf dieser Reise lerne.

Viel Landschaft

Je weiter wir in Richtung Norden kommen, desto tiefer stossen wir in die Taiga vor. Wir tauchen ein in das Land der Festungen, oder Kreml, wie sie im Russischen heissen, in das Land der Kirchen, der  Zwiebeltürmchen, der einfachen Holzhäuser und der endlosen Weite.

Kreml und Kirchen
Hin und wieder recken ein paar Zwiebeltürmchen ihre Köpfe aus dem Grün…
Natur Karelien
…ansonsten dominiert die nicht enden wollende Natur

Die Gegend wird mit jedem Meter, den sich die MS Thurgau Karelia auf der Wolga in Richtung Norden vordringt einsamer und wilder. Hier ist das Land der Bären und Elche. Hier in den Wäldern wachsen Beerensorten, die bei uns nicht mal einen Namen haben. Das Land ist reich – reich an weitgehend unverdorbener Natur.

Eine kleine Zeitreise

Uglitsch
Uglitsch an der Ecke der Wolga

An der Ecke der Wolga, in Uglitsch (ugol = Ecke, auf Russisch) recken Zwiebeltürmchen ihre blauen Köpfe in die Höhe. Bis hierher kommen sie noch, die üblichen Touristenboote. Man hat sich auf Gäste aus dem In- und Ausland eingestellt und Uglitsch macht sich entsprechend hübsch.

Uglitsch
Uglitsch macht sich fein für die Touristen

Auf dem kleinen Markt werden  Souvenirs und Kunsthandwerk verkauft. Die Wladimir Putin Tasse und den russischen Kopfschmuck lasse ich aber doch links liegen.

Kopfschmuck Karoline
Auch Kopfschmuck gibt es hier

Dafür freue ich mich über den Strauss duftender Maiglöckchen, den mir eine freundliche Babuschka für ein paar Rubel am Wegrand verkauft.

Maigloeckchen
Eine Babuschka verkauft mir duftende Maiglöckchen

Uglitsch spielte einst eine grosse Rolle in der Geschichte Russlands. Heute ist es ein verträumtes Provinzstädtchen. Wer seinen Blick auch ein wenig rechts und links des Weges schweifen lässt, der findet vielleicht in einem der typischen Holzhäuser einen verborgenen Tante-Emma-Laden. Der Eingang ist eine Zeitmaschine, die mich in meine frühe Kindheit zurückversetzt, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben.

Kirche Russland
Das kirchliche Leben erlebt Russland einen regelrechten Boom

Je weiter wir in Richtung Norden kommen, desto stärker wird dieser Eindruck. Die einzelnen, am Ufer verstreut liegenden Isba (einfache russische Bauernhäuser aus Holz) werden seltener. Zartgrüne Birken und Nadelbäume dominieren das Landschaftsbild.

Natur Karelien
Die Natur verzaubert

Unsere Fahrt auf dem Schiff wird durch Ausflüge an Land unterbrochen.

Kirillo-Beloserski-Kloster
Das Kirillo-Beloserski-Kloster

Meist sind es Kirchen und Klöster, die wir besichtigen, mal ein U-Boot in dessen Schatten Kinder angeln – mal ein typisches Dorf.

Dorf Karelien
Typische Dorfansicht
U-Boot Russland
Das Ungetüm an U-Boot beeindruckt die Kinder wenig. Sie sind ganz auf ihr Anglerglück fokussiert

Es scheint sich jeweils schnell herumzusprechen, dass wir anlegen. Kaum sind wir da, fahren auch schon die ersten Autos herbei und auf kleinen Klapptischen oder auf der Motorhaube wird alles angeboten, was die Natur zu bieten hat: getrocknete Pilze, Marmelade aus Waldbeeren, getrocknete Fische, eingemachtes Obst und Gemüse.

Die Bevölkerung nutzt die Gelegenheit ein paar Rubel zu verdienen

Das Leben auf dem Land ist karg und einfach. Jeder Rubel zählt.

Die Crew sorgt für Bildung, Kultur und Kulinarik

Während der Fahrt sorgt die junge Crew an Bord für Unterhaltung und Bildung. Vom Russischkurs, über einen Exkurs in die Russische Geschichte, bis zum Klassikabend und zum Blini-Kochkurs (Blini = russische Pfannkuchen).

Crew MS Thurgau Karelia
Die junge Crew kümmert sich um die Unterhaltung und Bildung an Bord
Blini mit Kaviar

Auch sonst ist man sehr darum bemüht, dass die ausländischen Gäste zufrieden sind. Die anfänglichen Berührungsängste schwinden von Tag zu Tag. Auch für die Crew ist es eine neue Erfahrung, für Gästen aus dem Ausland da zu sein. Der Koch musste lernen, dass die Portionen für uns Westeuropäer wesentlich kleiner sein müssen, als für russische Gäste. „Am Anfang habe ich mich dagegen gewehrt. Ich dachte, die Gäste würden sich beschweren, weil sie viel zu wenig auf dem Teller haben“, verrät mir der Schiffskoch Wladimir Suew mit einem Augenzwinkern.

Schiffskoch
Schiffskoch Wladimir hatte bedenken, dass die Gäste nicht satt werden, wenn er ihnen nicht die typisch russischen Portionen serviert.

Die schon fast sprichwörtliche Russische Gastfreundschaft beinhaltet eben auch, dass sich die Tische biegen unter der Last der aufgetischten Speisen. Da fiel es Wladimir offensichtlich sehr schwer, die Portionen wesentlich kleiner zu dimensionieren.

Satt sind wir trotzdem immer geworden. Sehr satt sogar. Und geschmeckt hat es auch. Nur die Menge an Wein, welche die mehrheitlich Schweizer und österreichischen Gäste geniessen wurde offensichtlich unterschätzt. Der war nämlich schon nach wenigen Tagen ausgetrunken. Aber typisch russisch wurde gleich beim nächsten Mal Ankern für Nachschub gesorgt. Man weiss sich eben zu helfen.

Stumme Zeitzeugen am Wegrand

Mit dem Rybinsker Stausee, durchqueren wir den zweitgrössten Stausee Europas. Rund 700 Dörfer, zahlreiche Kirchen und auch Klöster wurden dafür in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts geflutet. Stumme Zeitzeugen berichten noch heute davon.

Kirche Stausee Russland
Stumme Zeitzeugen…
Kirche Stausee
…berichten von der Flutung ganzer Regionen

Immer wieder begenen uns auf der Reise verlassene und halb zerfalle Häuser. Ich würde zu gerne ihre Geschichten hören.

Holzhaus Russland
Welche Geschichte könnte dieses Haus wohl erzählen?

Viel Nichts am Onegasee

Dann erreichen den Onegasee, den zweitgrössten natürlichen See Europas und überqueren hier die Grenze in die Region Karelien. Die Weite der Wälder wird von der Weite des Sees abgelöst. Das Auge kann sich kaum sattsehen. Die Sonne, geht hier im Sommer nur noch für ganz kurze Zeit unter und malt mit rot und blau ihre Bilder in den Himmel. Spätestens jetzt lasse ich mich von der Natur entführen – ich sitze und ich staune. Das Zwitschern der Vögel verrät irgendwann, dass das Ufer wieder näher kommt. Sonst ist ausser dem leisen Motorengeräusch des Schiffes und dem leichten Plätschern des Wassers nichts zu hören. Ein unbeschreiblich erholsames Nichts.

Onegasee
Wie ein Meer wirkt der riesige Onegasee

Massengrab Ostsee-Weissmeer-Kanal

Das Wohlgefühl tritt etwas in den Hintergrund als wir den Ostsee-Weissmeer-Kanal befahren. Dieser verbindet, wie der Name schon sagt, Die Ostsee via Onegasee mit dem Weissen Meer. Seine Entstehung zählt zu den abscheulichsten Gräueltaten der Geschichte. Stalinkanal wurde der Kanal früher genannt. Man geht von 12’500 bis 250’000 toten Zwangsarbeitern aus, deren Leben diesem Prestigeobjekt geschuldet sind. Mit blossen Händen, ohne ausreichende Nahrung, bei Wind, Wetter und eisiger Kälte liess Josef Wissarionowitsch Stalin von 1931 bis 1933 hunderttausende Zwangsarbeiter sich zu hier Tode schuften lassen. Die stummen steinernen Schleusenwände wurden mit Blut an den Händen gebaut.

Schleuse Ostsee Weissmeer Kanal
Sehr eng ist es in den Schleusen des Ostsee-Weissmeer-Kanals

Wer nicht ins System passte, oder zu viele Fragen stellte, dem drohte das Straflager, der Gulag, und damit verbunden häufig ein bitteres Ende. Schier endlose Gräber in den Wäldern bei Medweschjegorsk zeugen vom Grauen dieser und geben ihm ein Gesicht.

Medweschjegorsk
Der Wald um Medweschjegorsk ist voll mit Gedenkstätten
Grab Russland Gulag
Hier bekommen die Opfer Stalins ein Gesicht und einen Namen
Gedenkstätte Ostsee Weissmeer Kanal
Manche der Gedenkstätten überraschen…

Es sind die Bilder von jungen Männern, die ich bei der Durchfahrt durch die Schleusen kaum aus meinem Kopf bekomme – Bilder, die mir das Herz zuschnüren. Was nur lässt Menschen zu Bestien werden?

Ostsee-Weissmeer-Kanal
Wie grausam muss es gewesen sein, diese Anlagen zu bauen

Die Solowezki Inseln im Weissen Meer

Mit jedem Meter weiter in Richtung Norden wird das Klima kälter, der Wind rauer und die Wolken dunkler. Wir ankern kurz vor der Mündung des Wyg ins Weisse Meer. Mit einem kleineren Boot fahren wir von hier aus raus aufs offene Meer. Das Weisse Meer kann wild sein, sehr wild! Wir haben Pech, denn heute ist es wild! Die Wellen kommen aus allen Richtungen und der kalte Wind bläst kräftig.

Ich mache sprichwörtlich drei Kreuze nach der stürmischen Überfahrt und ich bin froh auf den Solowezki Inseln wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen. Auch hier, nur rund 160 km südlich des Polarkreises, im Solowezki Kloster wurden Straflager, Gulags, vom Sowjetregime eingerichtet. Politische Gegner wurden in der Abgeschiedenheit der Insel isoliert, ausgenutzt, misshandelt und gefoltert.

Umso erstaunlicher ist es, wie das kirchliche Leben im Untergrund das Sowjetregime überleben konnte.

Solowezki Kloster
Das Solowezki Kloster im Weissen Meer

Heute findet im Solowezki Kloster wieder klösterliches Leben statt. Das russisch-orthodoxe Kloster zählt zum UNESCO Weltkulturerbe. Selbst bei schlechtem Wetter wirken die Türmchen leicht und verspielt und man mag sich nicht vorstellen, was in ihrem Schatten stattgefunden hat.

Kloster Solowezki
Heute wird das Kloster wieder von Mönchen bewohnt

Dies ist der nördlichste Punkt unserer Reise. Von hier aus geht es zurück über den Weissmeer-Ostsee-Kanal in Richtung Ladogasee. Zeit den Gedanken nachzuhängen und zu versuchen das Gehörte und Gesehene einzuordnen.

Von traditionell bis modern: von Kischi bis Petrosawodsk

Das Freilichtmuseum auf der Insel Kischi im Onegasee bringt Leichtigkeit in die Gedanken. Abgesehen von den Dachschindeln wurden die kunstvollen Holzkirchen auf der Insel ganz ohne einen einzigen Nagel gebaut.

Holzkirche Kishi
Die Holzkirchen von Kischi sind ein echtes Kunstwerk

Guide Anton spielt auf Kischi eine fröhliche Melodie auf der Kantele, einem traditionellen, karelischen Instrument.

Kantele
Guide Anton spiel auf der Kantele ein fröhliches Lied

Wir befinden uns weiterhin in Karelien, einer Region, die ursprünglich zu Finnland gehörte und 1947 im Rahmen des Pariser Friedens an Russland fiel. Es kam in der Folge zu Zwangsumsiedelungen. Mittlerweile leben nur noch sehr wenige „echte Karelier“ in der Region. Umso erstaunlicher ist es, dass die alte karelische Kultur am Leben gehalten wird. Karelische Tänze und Gesänge werden auch in der Tanzschule für Kinder und Jugendliche in Petrosawodsk gepflegt. Man ist stolz auf das übernommene Erbe. Die Tänze und die Musik sind frisch und frech, von einer fröhlichen Leichtigkeit.

Petrosawodsk
Karelische Tänze in Petrosawodsk
Kunst Petrosawodsk
Kunst an der Uferpromenade von Petrosawodsk

Pertosawodsk ist eine moderne Stadt. Nach den Tagen auf dem Land wird der krasse Kontrast noch bewusster. Stadt und Land sind hier wie zwei Welten. Russland ist ein Land voller Gegensätze.

Lenin Petrosawodsk
Leninstatue in Petrosawodsk

Was mir besonders auffällt, sind die vielen bunten Spielplätze – sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt. Was einst Sting in seinem Lied Russians voll Hoffnung besang, zeigt sich hier ganz konkret: Auch die Russen lieben ihre Kinder!

Buntes Kunsthandwerk und starker Wodka in Mandrogi

Bunt und wieder etwas touristischer geht es auch in dem Museumsdörfchen Mandrogi am Ufer des Swir zu. Ganz idyllisch, inmitten von Birken- und Nadelwäldern, reihen sich hier gemütliche Holzhäuser aneinander. Im Inneren erlebt man das für die Region typische Kunsthandwerk. Matrjoschkas und kleine Döschen werden in einem der Häuser kunstvoll bemalt.

Matrjoschka
Hier kann man zuschauen, wie die typischen Matrjoschka entstehen

Im nächsten entstehen aus Birkenrinden hübscher Schmuck und Souvenirs.

Birkenrinde Schmuck
Aus Birkenrinde wird u.a. Schmuck hergestellt

Wer es hochprozentig mag, der ist im Wodkamuseum bestens aufgehoben. Unzählige mehr oder wenig geschmackvolle Wodkaflaschen – alle mit Inhalt – sind hier ausgestellt und es darf probiert werden!

Wodkamuseum
Im Wodkamuseum geht es hochprozentig zu…

Wladimir Wladimirowitsch Putin verbringt hier gerne seinen Urlaub. Ich setze meine Reise nach einer Wodka-Degustation sehr beschwingt fort.

Der grösste See Europas: der Ladogasee

Der grösste See Europas, der Ladogasee gleicht einem Meer. Fast die halbe Schweiz würde hier reinpassen.

Die schier endlosen Sommerabende auf dem ruhigen See, der zuweilen aber wohl auch recht wild werden kann, eignen sich bestens um den Gedanken nachzuhängen. Um das Gesehene und Erlebte soweit überhaupt möglich, einzuordnen und um den Moment und die Stille zu geniessen.

Wenn der See aber tobt, können die Wellen bis zu 6 Meter hoch werden, lasse ich mir sagen. Jetzt ist er aber zahm und glatt wie ein Spiegel. Kleine grüne Tupfen, umgeben von Felswänden erheben sich im Nordosten aus dem glasklaren Wasser des Ladogasees. Der Archipel mit der gleichnamigen Hauptinsel Walaam.

Walaam
Grüne Tupfen erheben sich aus dem Ladogasee

Auf Walaam befindet sich das orthodoxe Kloster Walaam, das seit 1989 auch wieder als solches genutzt wird. Auf den Inselchen rund herum verteilen sich kleine Skiten, Ableger der Hauptklosters auf Walaam.

Kloster Walaam
Das Kloster Walaam
Skiten Walaam
Auf den kleineren Inseln verteilen sich Skiten

Die kleinen, felsigen Inseln sind bewaldet. Es duftet nach Holz, nach Zapfen und nach ganz viel frischer Luft. Finnland, zu dem diese Region bis 1940 gehörte, ist ganz nah und landschaftlich wähne ich mich tatsächlich in Skandinavien.

Walaam Russland
Einen Landschaft wie in Skandinavien

Steine für St. Petersburg aus Ruskeala

Noch näher an Finnland liegt der nächste Stopp. Irgendwo in der Mitte von Nirgendwo, beim Holzplatz einer Holfabrik, legt die MS Thurgau Karelia an. Per Bus geht es von hier weiter nach Ruskeala.

St. Petersburg ist nicht weit und viele seiner Prachtbauten hat St. Petersburg dieser Region zu verdanken. In Ruskeala wurde früher nämlich Marmor abgebaut. St. Petersburg wurde von Zar Peter dem Grossen auf sumpfigem Boden errichtet. Steine gab es dort wo die Stadt heute steht so gut wie keine. Deshalb wurde der Marmor von Ruskeala für den Bau der Stadt nach St. Petersburg gebracht. Heute ist im Marmorbruch eine Art Erholungs- und Informationspark eingerichtet.

Ruskeala
Im ehemaligen Marmorsteinbruch hat sich ein See gebildet. Hier kann man sogar Böötchenfahren
Marmor St.Petersburg
Marmor für St. Peterburg

Wer damals in St. Petersburg lebte, der musste im wahrsten Sinne des Wortes „steinreich“ sein. Denn gemäss einem Erlass des Zaren musste jeder Bürger jährlich 100 Steine abliefern, damit der Bau der Stadt vorangetrieben werden konnte. Auch jedes Schiff das in die Stadt einfuhr, musste einen bestimmen Teil seiner Ladung in Form von Steinen abgeben. Dieses Wissen lässt die unglaubliche Pracht von St. Petersburg in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Staraja Ladoga
Ein weiterer Halt unterwegs: Staraja Ladoga

Nach einem kurzen Zwischentopp in Schlüsselburg vor den Toren St. Petersburgs, erreichen wir die Stadt von Peter dem Grossen.

Schluesselburg
Schlüsselburg vor den Toren von St. Petersburg

Die weissen Nächte in St. Petersburg – wenn die Sonne kaum untergeht

Es ist Mitte Juni, die Zeit der weissen Nächte. Die Sonne geht hier von Ende Mai bis Mitte Juli kaum unter und halb St. Petersburg tanzt in den Strassen. Eine Stimmung, wie im Traum. Ausgelassen, verzaubernd.

Venedig des Ostens
Venedig des Ostens wird St. Petersburg auch genannt
Weisse Nächte
Die Zeit der weissen Nächte
St.Petersburg bei Nacht
St.Petersburg ist voller Leben

Ich kann nicht sagen, was es genau ist, aber Russlands Seele fesselt mich auf ihre ganz eigene Art. Lebensfreude und Melancholie liegen hier nah beieinander. Es kommt mir vor, als würde man auf einer Reise in Russland in eine Märchenwelt eintauchen – mit all ihren hellen und auch ihren dunklen Seiten. Russland ist anders. Wenn man Russland bereist, sollte bereit sein, sich auf diese Andersartigkeit einzulassen. Eine Flusskreuzfahrt ist dabei sicherlich die sanfteste Methode sich diesem riesigen Land zu nähern.

14 Tage auf dem Schiff sind für mich wie im Fluge vergangen. Mit leichter Wehmut verlasse ich Russland – jedoch nicht ohne vorher versprochen zu haben, bald wieder zu kommen.

Die Weite der Landschaft, die Ruhe der Natur, die Gastfreundschaft der Menschen, die Andersartigkeit und die weissen Nächte in St. Petersburg haben mich verzaubert: Alte Liebe neu entfacht.

Ich wünsche Euch zauberhafte Reisen abseits der normalen Touristenpfade und spannende Entdeckungen links und rechts des Weges – oder eben Steuerbord und Backbord. Ahoi!

Mit sonnige Grüssen,
Eure Patotra

Infobox

Diese 14-tägige Flusskreuzfahrt auf der MS Thurgau Karelia wird von Thurgau Travel während der Sommermonate angeboten.

Weiter Infos dazu: Thurgau Travel 

Gut zu wissen:

Die Temperaturunterschiede während meiner Reise im Juni waren extrem. Von hochsommerlichen 30 Grad in St. Petersburg bis hin zu wenigen Grad über Null auf den Solowezki Inseln. Der Koffer sollte demensprechend bestückt werden.

Wer sich von Licht gestört fühlt, der sollte eine Schlafbrille mitnehmen. Die Vorhänge sind zwar dicht, aber irgendwie hat es die Sonne doch geschafft jeden Morgen um 3:00 Uhr zwischen den Ritzen durchzuschauen.

An Bord gibt es eine Ärztin, Pediküre, Maniküre, einen Coiffeur, einen Fitnessraum, sowie einen Wäscheservice.

Ich würde eine der oberen Kabine mit Balkon empfehlen.

Vorbereitende Lektüre:

Ich empfehle jedem Russlandreisenden dringend sich vorab mit der Kultur, der Geschichte und auch mit der sagenumwobenen russischen Seele zu beschäftigen.

Sehr empfehlen kann ich dafür folgende Bücher:

  • 111 Gründe Russland zu lieben von Jens Siegert
  • Mein russisches Abenteuer von Jens Mühling

Offenlegung: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise zu der ich von Thurgau Travel eingeladen wurde. Meine Meinung bleibt davon unangetastet


9 Comments

  • Hallo Ellen, was für ein toller Reisebericht. Das wäre genau nach meinem Geschmack. Viel Kultur und weit weg von touristischen Pfaden. Und dann noch St. Petersburg zu den weißen Nächten, einfach traumhaft. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

    • Liebe Claudia
      Hab vielen Dank für Deine lobenden Worte. Das freut mich rieisg!
      Ich kann das Erlebnis wärmstens empfehlen!
      Herzliche Grüsse
      Ellen

  • Liebe Ellen
    Wir sind sehr begeistert von Ihrem Reisebericht über die Fahrt mit der MS Thurgau Karelia. Wir waren bei dieser Reise dabei und haben uns gefreut, allen Stationen dieser herrlichen Fahrt wieder zu begegnen. Ihre Fotos sind zauberhaft und die Texte faszinierend, gerade, weil sie so persönlich abgefasst sind. Wir vermuten, dass Sie in Medwedschegorsk bei der falschen Reiseführerin dabei waren. Sie hat die Wahrheit erzählt. Alle diese Männer, die dort begraben sind, wurden am gleichen Tag dorthin gekarrt, erschossen und im Sand verscharrt. Es sind Tausende…
    Wir freuen uns auf weitere Berichte von Ihnen.
    Freundliche Grüsse
    Margret und Gerhard

    • Liebe Margret, lieber Gerhard
      Ganz herzlichen Dank für Ihre lieben und lobenden Worte! Das freut mich riesig! Und ich freue mich auch sehr, wenn Sie meine Berichte auch weiterhin verfolgen wollen.
      Tatsächlich hatte ich in Medweschjegorsk einen anderen Reiseführer. Dieser hat das grausame Geschehen runtergespielt und offensichtlich auch völlig anders dargestellt. Schade, dass die Geschichte von Manchen kaum aufgearbeitet wurde! Habt vielen Dank für Euren Input!
      Ich habe mir erlaubt den Namen des Guides in Ihrem Kommentar zu editieren. Nicht, dass dieser Person noch ein Nachteil daraus erwächst, dass sie offensichtlich einen echten Einblick in die Geschehnisse gibt.
      Ich wünsche Ihnen weiterhin viele spannende Reisen. Vielleicht begegnen wir uns ja bei einer von ihnen wieder. Das würde mich freuen.
      Herzliche Grüsse
      Ellen

  • Wahnsinn! Das muss eine unglaublich tolle Reise gewesen sein. (Fluss)kreuzfahrten haben mich bisher eigentlich kaum gereizt, aber jetzt hätte ich so richtig Lust, das auch einmal zu erleben.

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