Das Entdeckerhotel in Hofern – eine atemberaubende Verschnaufpause auf der Flucht vor den Zeitdieben

Erinnert ihr euch an Momo und die grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen wollen? Nicht nur, wer die Geschichte von Ende gelesen hat, weiss: Die Zeit ist unser wertvollstes Gut. Genau da setzt die Philosophie des Entdeckerhotels im südtirolischen Hofern an.

«Ich habe Zeit», steht auf der Armbanduhr, die jeder Gast beim Check-in bekommt. Ein origineller Zimmerschlüssel – und eine stete Erinnerung daran, die rare gemeinsame Familienzeit zu geniessen.

Denn das ist das Konzept des Hauses. «Wir sind ein Familienhotel ohne Kinderbetreuung», bringt es Karin Crazzolara auf den Punkt. Ihrem Mann und ihr sei die Hotelsituation in den Familienferien immer ein Dorn im Auge gewesen: «Wir wollten weder ein typisches Kinderhotel mit Animationsprogramm noch eines ohne kinderfreundliche Infrastruktur, in dem nur Kinder mit erwachsenem Benehmen willkommen sind.» Und so lässt das Paar seinem Unmut Taten folgen: Im Frühjahr 2018 baut es das bestehende Drei-Sterne-Hotel in Hofern zum neuen Entdeckerhotel um.

Seinen Namen trägt das heutige Vier-Sterne-Haus aus mehreren Gründen: Es liegt inmitten der Natur mit Blick ins Pustertal und auf die Dolomiten, wo Kinder (und Eltern!) jede Menge entdecken können (nicht nur dank der Ferngläser, die jede Familie während des Aufenthalts erhält).

Entdeckungen gibt es aber auch im kleineren Rahmen, etwa in der so genannten Entdeckerwerkstatt, in der jeden Tag unterschiedliche Dinge ausprobiert werden können.

Und auch das Zimmer ist bereits eine Entdeckung. Selten habe ich etwas zugleich so Stilvolles und Familientaugliches gesehen. Die Einrichtung ist schlicht und edel, aber es besteht kein Grund zur Panik, dass etwas in die Brüche gehen könnte, denn das meiste besteht aus Holz und die Grosszügigkeit des Zimmers lässt auch kleinen Rabauken viel Spielraum. Die Kinder haben ihr eigenes Reich, das durch eine Schiebetüre vom restlichen Zimmer abtrennbar ist. Alles ist durchdacht – es gibt sogar zwei Waschbecken auf unterschiedlichen Höhen. Der Blick von der riesigen Terrasse ist atemberaubend – kein Wunder, schliesslich liegt das Hotel auf über 1000 Metern Höhe. (Wer auch die Nächte als Familie verbringen möchte: Es gibt auch Zimmer mit riesigen Familienbetten!)

Die Kinder zieht’s wie immer zuerst zum Pool. Und dieser hier ist unfassbar schön («der schönste, den wir je gesehen haben», sind sich die Kinder einig): Er ist warm und führt nach draussen. Ein Infinitypool mit Blick ins Pustertal. Wie sehr ich Gfrörli das liebe. Daneben gibt’s einen weiteren Pool mit Rutschbahn und eine riesige Biosauna, die mit ihren 45 Grad ideal auch für jüngere Kinder ist. An den Zwischenwänden – die Sauna erinnert an eine grosse Liegewiese mit mehreren Abteilen – hängen diverse Magnetspiele, damit die Kinder auch hier ihren Spass haben. So etwas Geniales habe ich selten gesehen.

Als wir später das Hotelgelände erkunden, auf dem es sogar einen eigenen Streichelzoo gibt, fragt unser elfjähriger Sohn erstaunt: «Warum hat das Hotel eigentlich nur vier Sterne?» Ich muss über das «nur» lachen, verstehe aber, was er sagen will.

Im Entdeckerhotel ist einfach an alles gedacht worden. Hier darf jeder so sein, wie er ist – die Erwachsenen freuen sich über den zauberhaft angelegten Garten, die Kinder über den Erlebnisspielplatz.

Und dann ist da noch das Essen. Entsprechend dem Konzept isst man als Familie, nicht getrennt, wie es in so vielen Familienhotels möglich (und teilweise auch erwünscht) ist. Das Menu ist vorzüglich, die Kinder dürfen bestellen, was sie möchten. In unserem Fall meistens Spaghetti «ohni nüt». Die Serviertöchter zucken auch nicht mit der Wimper, als unser 6-Jähriger den dritten Teller bestellt und genüsslich verputzt.

Das Südtirol liegt, grob gesagt, zwischen den Alpen im Norden und den Dolomiten im Süden. Wir waren noch nie im östlichen Südtirol, und so wollen wir unbedingt die Dolomiten aus der Nähe sehen. Doch so einfach ist das nicht, wenn man ein Kind hat, dem bei Passstrassen regelmässig schlecht wird. Bis zu den berühmten Drei Zinnen ist es angesichts dieser Einschränkung definitiv zu weit, und so entscheiden wir uns für das Würzjoch, einen Gebirgspass inmitten der Dolomiten. Ein Tipp der Hotelbesitzerin.

Auf den letzten Kilometern kämpft unser Sohn gegen die Übelkeit an, aber wir erreichen unser Ziel unbeschadet. Und wie froh sind wir, den Weg auf uns genommen zu haben! Schon wenig oberhalb des Parkplatzes werden wir mit einer einmaligen Landschaft und einer atemberaubenden Kulisse belohnt.

Peitlerkofel

Beim Anblick des 2’875 Meter hohen Peitlerkofels und seiner Nachbarn kommen mir unwillkürlich Stalagmiten in den Sinn – nicht wegen der Wortähnlichkeit, sondern wegen der spitzenförmigen Gipfel. So ganz anders als der gewohnte Anblick der Schweizer Alpen.

Es gibt mehrere Wanderwege hier oben, und wir entscheiden uns für den, der direkt hinter dem Gasthaus beginnt. Die Landschaft erinnert uns irgendwie an Island, auch die grasenden Pferde passen perfekt ins Bild. Weiter oben überraschen uns sumpfige Wiesen. Wir laufen wie auf Watte.

Das Hotel hat uns anstelle des täglichen Nachmittagssnacks  einen Picknickkorb mit auf den Weg gegeben, und nach unserer gut anderthalbstündigen Wanderung fallen wir hungrig darüber her.

Bevor wir zurück ins Hotel fahren, machen wir noch einen kurzen Abstecher nach St. Kassian, ein Dorf, das uns Karin Crazzolara ebenfalls ans Herz gelegt hat. Und wahrhaftig, der Besuch lohnt sich. Der Touristenort liegt am Fusse mehrerer imposanter Felswände und ist jetzt in der Zwischensaison menschenleer.

Unser letzter Abend ist angebrochen. Wir sind zugleich wehmütig und glücklich: Wir sind den Zeitdieben für ein Weilchen entwischt. Manchmal – und da nehme ich mich nicht aus – droht man tatsächlich zu vergessen, was das Wichtigste im Leben ist. Erinnert ihr euch an das Lied aus Momo, das die Kinder singen, um die Erwachsenen vor der Gefahr der schwindenden Zeit zu warnen? «Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen: Fünf vor zwölf hat es geschlagen. Drum wacht auf und seid gescheit, denn man stiehlt euch eure Zeit.» Danke, Entdeckerhotel, für die Erinnerung an das, was wirklich zählt.

Das Entdeckerhotel macht im November und Dezember eine Winterpause. Über die Weihnachtstage ist es nicht buchbar, weil die Besitzerfamilie die Zeit mit der Familie nutzen möchte. Ganz im Sinne der eigenen Philosophie.

Weitere Infos zum Hotel
Preise, Angebote und weitere Informationen: Entdeckerhotel

Offenlegung: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Einladung entstanden.


Wer schreibt hier?

Miriam Bosch

berichtet in unregelmässigen Abständen als Gast-Autorin für PATOTRA. Miriam liebt es, neue Welten zu entdecken – seien sie nah oder fern. Low-Budget-Reisen durch Südostasien gehören für sie ebenso dazu wie ein Verwöhnwochenende in den Alpen. Wichtig sind ihr vor allem zwei Dinge: Die Reiseorte müssen authentisch sein. Und: Sie müssen nicht nur sie und ihren Mann, sondern auch ihre Kinder begeistern.

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