Familienhotel Gorfion in Malbun – die Entdeckung der Langsamkeit

Liechtenstein, viertkleinster Staat Europas, sechstkleinster Staat der Welt. Das Fürstentum feiert dieses Jahr sein 300-Jahr-Jubiläum. Grund genug, ihm einen Besuch abzustatten. Unser Ziel: Malbun, mit 1600 Metern höchstgelegenes Bergdorf des Landes. Ein Juwel für Familien – nicht nur im Winter.

Unser Navi zeigt von Zürich aus genau anderthalb Stunden an – wahrhaft ein Katzensprung. Wir sind früh dran, das Wetter ist traumhaft, und so beschliessen wir auf unserem Weg gen Osten spontan, einen Abstecher auf die Ebenalp zu machen und endlich einmal das weltbekannte Berggasthaus Aescher und die Höhlen des Wildkirchli in Appenzell-Innerrhoden aus nächster Nähe zu sehen. Zugegeben: Der Umweg ist etwas grösser als gedacht, aber wir haben ja keine Eile.

Mit der Luftseilbahn fahren wir von Wasserauen in die Höhe. Es ist Donnerstag und die Anzahl an Touristen ist überschaubar. Von der Bergstation aus laufen wir hinab und erreichen bereits nach einer Viertelstunde das berühmte Waldkirchli und seine Höhlen.

Direkt dahinter liegt, an einem schmalen Grat, das Berggasthaus Aescher, einmalig im Schatten einer Felswand gelegen. Unzählige Fotos dieser Touristenattraktion kursieren im Internet, und doch ist es ein Erlebnis, vor dem Bauwerk von 1846 zu stehen, einem der ältesten Berggasthäuser der Schweiz überhaupt. 2015 wurde es vom National Geographic als „schönster Ort der Welt“ bezeichnet. Leider. Denn seither strömen noch mehr Menschen an diesen magischen Ort.

Wir beschliessen kurzerhand, nicht zurück zur Gondel, sondern ins Tal hinab zu wandern. Der Weg ist steinig und steil, und wir bemerken ziemlich bald unseren Rookiefehler: Wir haben bei unserer Spontanaktion nicht daran gedacht, unsere Turnschuhe gegen Wanderschuhe zu tauschen. Die Steine bohren sich durch unsere Sohlen, und der Weg ins Tal zieht sich. Nach fast drei Stunden – inklusive mehrerer Pausen – haben wir es geschafft und kühlen unsere heissen Füsse im eisigen Bach.

Es ist schon fünf Uhr, als wir uns Richtung Liechtenstein aufmachen. Im Hotel Gorfion werden wir bereits erwartet. Wir waren vor sechs Jahren schon einmal hier, im Winter, zum Skifahren. Seither ist viel passiert: Nach 40 Jahren in privater Hand hat kürzlich eine Stiftung das Hotel übernommen. Dies, nachdem es 2016 fast abgerissen worden wäre. Ein Aufschrei ging damals durch Liechtenstein – und dank einiger engagierter Liechtensteiner, darunter auch Prinz Maximilian, wurden in einer Hauruckaktion Investoren gefunden. Seit einem Jahr nun waltet Volker Schönherr über das Gorfion – kein Unbekannter: Der gebürtige Tiroler leitete zuletzt das Familienhotel Alpenrose in Lermoos. Das Motto des neuen Gorfion: mehr Natur, mehr Herz, mehr Genuss. „Die Gäste sollen hier oben in eine andere Welt eintauchen“, resümiert der Mittvierziger. Ruhe, Familiarität und Herzlichkeit werden im Gorfion gross geschrieben. Und gutes Essen.

Das Hotel bietet eine Dreiviertelpension an, was eigentlich einer Eineinviertelpension gleichkommt: Neben Frühstück und Abendessen umfasst sie einen Mittagssnack, der sich als vollständige Mahlzeit entpuppt, sowie eine Nachmittagsjause. Wasser und Sirup sind in allen Mahlzeiten enthalten. Die Kosten sind somit gerade für Familien gut kalkulierbar.

Wir haben das Gorfion in guter, aber kulinarisch nicht in bester Erinnerung, Und so sind wir diesmal vom Essen besonders angetan: Jeden Abend gibt es ein 5-Gang-Menu, bei dem auch Vegetarier auf ihre Kosten kommen. Und, bemerkenswert: Für die kleinen Gäste gibt’s nicht nur Pommes frites oder Pasta, sondern ebenfalls jeweils ein kleines Menu mit Hauptspeise, Salat und Dessert. Unsere nicht besonders experimentierfreudigen Kinder probieren zum ersten Mal seit Langem neue Speisen aus. Wie wunderbar.

Das Hotel umfasst 50 Familienzimmer, von denen im Sommer längst nicht alle belegt sind. Die bescheidene Grösse des Familienhotels ist sein grosses Plus: Die Atmosphäre ist familiär, alles ist gut zu finden. Man fühlt sich beinahe wie in einem grossen Privathaus – was nicht zuletzt auch am überaus freundlichen und hilfsbereiten Personal liegt. Trotz der Überschaubarkeit fehlt es an nichts: Es gibt einen einen Wellnessbereich mit Pool, Dampfbad und Saunas, einen grosszügigen Spielplatz, Kinderbetreuung von morgens bis abends. Alles inbegriffen. Und alles auf höchstem Niveau.

Die Sonne scheint in unser Zimmer, als wir am nächsten Morgen erwachen. Wir haben alle Muskelkater, und so beschliessen wir, den Tag gemütlich anzugehen. Nur fünf Gehminuten vom Hotel entfernt, am Ortseingang, befindet sich der so genannte Schluchertreff. Hier gibt es nicht nur einen Spielplatz mit Schaukeln und Klettergerüsten, sondern auch verschiedene Wasserspiele, eine Seilbahn, eine Go-Kart-Bahn und eine Minigolfanlage. Die Kinder sind hin und weg. Wir auch, vornehmlich jedoch vom Alpenpanorama.

Wir nehmen einen anderen Rückweg, der uns noch ein Stück hoch zur Alp Pradamee führt. Unsere Hoffnung, ein paar Murmeltiere zu Gesicht zu bekommen, erfüllt sich leider nicht. Schön ist der Blick auf Malbun aber allemal – und dank der Gatter fühlen wir uns fast wie in Lönneberga.

Für den Nachmittag haben wir uns zum Pfeilbogenschiessen angemeldet. Unser Vierjähriger ist noch zu klein, und so wagen wir den Versuch, ihn im Kinderclub abzugeben. „Wagen“ deshalb, weil er sich üblicherweise mit Händen und Füssen (bzw. mit Tränen) dagegen wehrt, alleine zu bleiben. Doch siehe da: Problemlos lässt er uns ziehen. Was zweifellos an der einfühlsamen Art der Betreuer und Betreuerinnen und mit Sicherheit auch an der geringen Anzahl der Kinder liegt. Was für ein Glücksfall. Tim hat quasi Exklusivbetreuung.

Wir machen uns also mit dem Älteren auf zum Nachbarhotel, dem Treffpunkt fürs Bogenschiessen. Wir sind die einzigen Teilnehmer. Johnny, der Instruktor, rüstet uns mit Bögen und Pfeilen aus und führt uns an den Startplatz hinter dem Schluchertreff. Ich freue mich riesig, auch wenn ich befürchte, völlig talentfrei zu sein. Und meine Freude steigt noch, als ich merke, dass es mir weder an Kraft noch an Zielsicherheit mangelt. Auch unser Zehnjähriger hat sichtlich Freude, dass er ein paar Treffer landet.

Bogenschiessen unter freiem Himmel ist nicht überall erlaubt, in einigen Schweizer Kantonen beispielsweise darf nicht geschossen werden. Wir absolvieren einen Teil des 2,5 Kilometer langen Parcours’ mit Tierattrappen, die wir aus unterschiedlichen Entfernungen zu treffen versuchen. Ich komme mir vor wie eine Mischung aus Robin Hood und Lara Croft. Jupii, macht das Spass!

Wir wollen Tim vom Kinderclub abholen und dann noch eine kurze Wanderung machen: einen rund zweistündigen „Forscherweg“ für Kinder, auf dem sie mit Hilfe von Lupe, Massstab und LED-Beleuchtung zehn Stationen erkunden bzw. Aufgaben lösen müssen. Doch wir haben die Rechnung ohne unseren jüngeren Sohn gemacht: Er möchte bei den Kinderbetreuern bleiben. Unfassbar, aber wahr: Auch Santino, der Ältere, möchte plötzlich im Hort bleiben. Als ich sehe, wie rührend sich die Betreuer um die Kinder kümmern, verstehe ich unsere Jungs. Erst die Erinnerung ans heissgeliebte allabendliche Schwimmen lockt sie vor dem Essen aus ihrer Höhle.

Am nächsten Tag das gleiche Prozedere: Die Kinder wollen partout im Kinderclub bleiben. Wir planen also um – einen Ausflug ohne Anhang haben wir gar nicht in Betracht gezogen! Kurzerhand mieten wir die beiden E-Bikes des Hotels und machen uns auf in Richtung Sareis, einen Aussichtsgrat auf 2003 Metern Höhe. Ich habe schon die ganze Zeit damit geliebäugelt, aber da unsere Jungs nicht in den Kinderanhänger passen und es keine Velos für Kinder gibt, war ich davon ausgegangen, dass das Biken ein Wunschtraum bleiben würde. Umso glücklicher bin ich nun – meine allererste E-Bike-Tour!

Es ist fast wie ein Wunder, wie einen das Velo trägt. Immerhin geht es von Malbun aus 400 Meter in die Höhe! Die Aussicht von hier oben ist atemberaubend. Man überblickt gleichsam das ganze Land, umgeben von Bergketten, die es von seinen Nachbarn trennt.

Und weil’s so schön ist und erst so wenig Zeit vergangen ist, hängen wir gleich einen zweiten Ausflug dran: Wir fahren hinab nach Steg, das unterhalb von Malbun liegt, und von dort aus weiter nach Valüna. Entlang des Valünerbaches, vorbei an Feldern, durch Wälder und Lichtungen. Idylle pur. Nach einer Erfrischung auf der Alp Valüna geht’s 300 Höhenmeter zurück nach Malbun – dank der E-Bikes ziemlich geschwind.

Am Sonntag, unserem Abreisetag, hat Petrus Nachsehen mit uns: Es regnet. So fällt uns der Abschied leichter. Denn wir wollen die Welt hier oben am liebsten nie mehr verlassen. Auf dem Weg von Malbun nach Vaduz machen wir noch einmal kurz Halt, um den türkisblauen Gänglesee zu bestaunen.

Malbun im Sommer ist eine wahre Entdeckung. Nicht nur wer Stan Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelesen hat, weiss, dass es in unserer schnelllebigen Zeit nichts Schöneres als Entschleunigung gibt. Und die, ja die ist in Malbun zweifellos zu finden. Für Familien vor allem im Hotel Gorfion. Seinen Rettern sei Dank.

Weitere Infos zum Hotel sind hier zu finden: Webseite des Hotels

Wer schreibt hier?

Miriam Bosch

berichtet in unregelmässigen Abständen als Gast-Autorin für PATOTRA. Miriam liebt es, neue Welten zu entdecken – seien sie nah oder fern. Low-Budget-Reisen durch Südostasien gehören für sie ebenso dazu wie ein Verwöhnwochenende in den Alpen. Wichtig sind ihr vor allem zwei Dinge: Die Reiseorte müssen authentisch sein. Und: Sie müssen nicht nur sie und ihren Mann, sondern auch ihre Kinder begeistern.


Offenlegung: Dieser Artikel  entstand im Rahmen einer Einladung des Hotel Gorfion.


 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .