Koh Surin – beim Volk der Seemoken

Dorf der Seemoken

Manchmal ist man als Reisender ein Eindringling, ein Störenfried, der ohne Einladung in das Leben anderer eindringt. Es gibt Begegnungen auf unseren Reisen, die mich nachhaltig beschäftigen. Während unserer Thailandreise hatten wir die Möglichkeit ein Dorf der Seemoken zu besuchen, einem Volk von Seenomaden, die unter anderem auf den Surin-Inseln leben. Die Surin-Inseln sind ein für Tauch- und Schnorchelausflüge beliebter Archipel in der Andamansee, etwa 55km vor dem thailändischen Festland in der Provinz Phang Nga.

Traditionell verbringen die Moken die meiste Zeit des Jahres auf dem Meer. Ihre Boote, Kabang genannt, sind gleichzeitig Ihre Häuser. Sie dienen als Schlaf –, Lebensraum und Küche für die ganze Familie. Meist sind etwa 8 bis 10 Familien mit Ihren Booten gemeinsam im Verbund unterwegs. Ursprünglich leben die Moken von Fischen und Meeresfrüchten. Sie leben mit und vom Meer.

Mokendorf Ko Surin

Beim Tsunami von 2004 hatten die Seemoken auf den Surin-Inseln keine Opfer zu beklagen. Sie wussten die Zeichen des Meers zu deuten. Auch hatte sich über Jahrtausende eine Legende überliefert von einer Welle, die alles bis auf die höchsten Berggipfel verschlungen habe. Die Moken brachten sich auf den nahen Bergen in Sicherheit. Aber Ihre Boote, ihr Zuhause, wurden vom Tsunami zerstört.

Mokendorf Ausblick

Seit dieser Zeit hat die thailändiche Regierung verstärkt Anstrengungen unternommen, das Volk der Seemoken sesshaft zu machen.

Voller Stolz erzählt unser Guide, dass die Moken jetzt fliessendes Wasser und sanitäre Anlagen hätten. Auch Reis gäbe es und eine Schule für die Kinder. Dass die „Sea Gypsies“ an Naturgeister glauben aber auch viel Alkohol tränken.

Mokengemeinschaft

Am Eingang zum Dorf der Seemoken sitzen kleine Mädchen und ein Junge, etwa 8 bis 10 Jahre alt. Sie verkaufen handgefertigte Mokenboote, wunderschön geschnitzte Delfine und Glasperlenketten. Ihre Gesichter sind ernst. Ich kaufe ihnen eines der Boote ab, das schönste Souvenir, das ich jemals aus einem Urlaub mitgebracht habe. Gleichzeitig ist es aber auch das Souvenir, das mich am nachdenklichsten stimmt.

Kinder Moken

Die Situation in dem Dorf berührt mich sehr. Der Rundgang durch das Dorf verschlimmert dieses Gefühl. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern oder in kleinen Gruppen unter den Pfahlbauten.

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Sie heben die Köpfe nicht, als wir vorbeigehen. Ob es sie störe, wenn ich sie fotografieren würde, frage ich sie. Man nickt, deutet an es sei ok und lässt mich gewähren. Immerhin sind wir es, die Ihnen ein wenig Geld bringen. Geld für die Begehrlichkeiten unserer modernen Zivilisation. Die Stimmung ist bedrückend. Lediglich zwei Jungs, etwa 10 Jahre alt, spielen vergnügt im Meer. Sie werfen sich Styroporteilchen zu, die lustig in den Wellen tanzen.

Spielende Kinder

Am Ende des Dorfes liegt die Schule. Ein teilnahmsloser Lehrer sitzt weit ab von seinen Schützlingen. Er hat ihnen die Schulter zugewandt und pafft gelangweilt an seiner Zigarette.

Schule der Moken

Die Kinder sind eifrig bei der Arbeit. Auch sie heben Ihre Köpfe kaum. Ja, fotografieren dürfe ich sie, deuten sie mir.

Unterricht bei den Moken

Schule der Sea Gypsies

Schulkind Moken

Später lese ich, dass die Versuche der thailändischen Regierung die Mokenkinder in das staatliche Schulsystem zu integrieren noch immer vielfach fehlschlagen. Es zieht sie einfach zu sehr wieder auf das Meer hinaus.

Aber man hat es wohl geschafft das Volk der Moken weitgehend sesshaft zu machen, zumindest in diesem Dorf. Ihre traditionelle Lebensweise wurde durch eine Lebensweise ersetzt, wie sie von der modernen Zivilisation als adäquat angesehen wird. Man nimmt ihnen ihre Wurzeln auf dem Meer und bringt Ihnen moderne Annehmlichkeiten, wie sanitäre Anlagen, Schulen und Styropor.

Zu welchem Preis?

Vor vielen Jahren, als ich in Nordamerika durch ein Indianerreservat gefahren bin, habe ich genau die gleichen freudlosen Gesichter gesehen. Ich habe die gleichen Ketten mit Glasperlen und die gleichen Schnitzereien gesehen und auch dort immer wieder Satz gehört: „Sie trinken viel Alkohol“. Was für ein trauriges Deja vu.

Mann im Mokendorf

Ich komme mir vor, wie ein Besucher in einem Zoo und frage mich, ob ich mich mitschuldig mache, als Tourist, der gaffend durch das Dorf schlendert, fotografiert und diese Fotos dann auch noch zur Unterhaltung anderer veröffentlicht. Diese Frage treibt mich seit meinem Besuch um und die Eindrücke lassen mich nicht los.

Wie seht Ihr das? Habt ihr auch schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Machen wir uns als Touristen mitschuldig? Kann man überhaupt von Schuld sprechen?

Mit sehr nachdenklichen Grüssen,

Eure Patotra - klein

 

 

Kleiner Nachtrag:

Seit 1997 gibt es das Andaman Pilot Projekt der UNESCO. Ziel des Projektes ist es, die traditionelle Lebensweise der Seemoken zu bewahren, ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und ihr über Generationen weitergegebenes Wissen für eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus zu nutzen. Tatsächlich befindet sich in der Nähe des Dorfes eine Infohütte mit Schautafeln zum traditionellen Leben der Moken.

Nachtrag: Leider habe ich trotz mehrfacher Anfrage bei verschiedenen Stellen der UNESCO in Europa und in Thailand keine Antworten auf meine Fragen bekommen. Wie geht das Projekt weiter, wie steht die UNESCO mittlerweile dazu? 

10 Comments

  • Hallöchen,

    ein interessantes Thema. Ich hatte dieselben Erlebnisse und Gefühle, als ich Urlaub in der Domenikanischen Republik und Ägypten machte. Um dem Alltagstrott zwischen Buffet und Strandurlaub zu entgehen, bucht man Führungen. Man möchte ja etwas von Land und Leuten kennenlernen. Und schwuppsdiwupps liefen wir mit ca 15 Leuten durch das Haus (ca.25qm) einer Familie auf einer Kakaoplantage und ich habe mich selten so deplatziert gefühlt. In Ägypten führen wir mit einer Kutsche durch die Slums, wie durch einen Zoo. Grausam. Auf der einen Seite ist es die Realität die mir bewusst macht, wie wir leben und wie arm manche Menschen sind. Auf der anderen Seite stelle ich mir vor, wie ich es fände, wenn ständig Leute durch mein Wohnzimmer laufen würden. Diese Menschen verzichten aus Armut auf ihre Privat- und Intimsphäre.

    Vielleicht sollte man einfach dazu übergehen Land und Leute kennen zu lernen, indem man sich ohne Führungen auf die Straßen begibt. Die Einwohner lieber auf den Wochenmärkten kennen lernt anstatt in Reservaten.

    Ich werde jedenfalls solche Führungen nicht mehr machen und das gesparte Geld lieber an Hilfsorganisationen spenden.

    Danke für dieses Thema und liebe Grüße,

    Sarah

    • Liebe Sarah,
      es ist sehr schwierig zu entscheiden, was hier richtig und was falsch ist. Ich bin froh, dass ich auch die Kehrseite der Medaille gesehen habe. Auf eigene Faust wäre ich dort bestimmmt nicht hingekommen. Trotzdem bleibt dieses flaue Gefühl. Ich werde auf jeden Fall weitere Informationen einholen. Mich interessiert, was die UNESCO hier wirklich für Anstrengungen betreibt.
      Mein Eindruck war auf jeden Fall, dass diese Menschen in ein Leben gepresst werden sollen, dass ihnen nicht entspricht. Ihnen wird eine sogenannten Zivilisation – als Weisheit letzter Schluss – aufgedrückt. Diese Zivilisation nimmt ihnen ihre Identität, ihre Wurzeln, das was ihr Leben über Jahrhunderte ausgemacht hat. Eine sehr traurige Situation!
      Lieber Gruss,
      Ellen

  • Ich finde es klasse, dass du diese Frage stellst – auch wenn ich selbst ebenfalls bisher keine Antwort gefunden habe. Eine Frage: Sind die Moken dasselbe Volk wie die Fischer in den Pfahldörfern in Pha Nga bei Phuket? Dort haben wir fast dieselben Eindrücke gehabt.

    • Liebe Jenny,
      Ja, in der Pha Nga Bucht leben auch Seemoken. Ich glaube die Dörfer dort werden noch mehr von Touristen überrollt. Ich werde auf jeden Fall an dem Thema dran bleiben. Mich interessiert, was wirklich für die Menschen getan wird. Sie machten alle einen sehr unglücklichen, entwurzelten Eindruck.
      Lieber Gruss,
      Ellen

  • Liebe Ellen, ich war Anfang des Jahres auch auf Ko Surin und habe das Dorf der Seemoken besucht. Mir ging es wie dir: Ich hatte die ganz Zeit ein komisches Gefühl im Magen. Also sind mein Freund und ich nur schnell den Hauptweg entlag gelaufen und haben auf den Rest der Gruppe gewartet. Ähnlich ging es mir, als ich einen Township in Kapstadt besucht habe: Man fühlt sich wie ein Eindringling oder ein Zoobesucher, weiß aber auch, dass man den Menschen eine Chance gibt, Geld mit dem Tourismus zu verdienen. Ich bin da – wie du – sehr zwiegespalten…

    LG
    Stephie

    • Liebe Stephie,
      es ist wirklich wahnsinnig schwierig zu entscheiden, was hier richtig und falsch ist. Einerseits empfand ich mich selbst als Voyeur – auf der anderen Seite bin ich aber „froh“, dass ich diese bittere Realität gesehen haben. Das Paradies hat eine Kehrseite und die ist für die Betroffenen sehr bitter. Ich bin weiterhin am abklären wie die UNESCO konkret hilft. Ich halte Euch auf dem Laufenden!
      Lieber Gruss,
      Ellen

  • Liebe Ellen,
    super Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Ich hatte ein ähnlich schlechtes Gefühl bei einem Trip vor ein paar Jahren im Norden Thailands zu den „Langhals“-Frauen. Sie saßen dort in ihren Hütten wie im Zoo und haben irgendwelche Sachen verkauft, die sie gemacht haben. Das ging mir ebenfalls lange nach.
    Wie ist es denn bei den Seemoken? Haben die sämtliche Boote durch den Tsunami verloren und können somit nicht mehr raus auf See, oder liegt das Problem bei den Schulen? Stichwort Schulpflicht etc. Kurz: mir ist aus deinem Bericht jetzt nicht ganz klar, weswegen sie ihrem selbstbestimmten Leben beraubt sind/wurden

    • Liebe Steffi
      Lieben Dank für Deinen netten Kommentar!
      Die Seemoken haben tatsächlich Ihre Boote während des Tsunamis verloren, aber sie haben sich natürlich mittlerweile neue gebaut. Sie fahren auch noch raus aufs Meer, aber sie leben nicht mehr auf dem Wasser. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Einerseits spielt sicherlich auch die Schule hier eine Rolle. Andererseits natürlich auch die Tatsache, dass man Ihnen Hütten, sanitäre Anlagen, einen Fussballplatz etc. gebaut hat und sie somit sesshaft gemacht hat. Dieses Leben ist ganz bestimmt auf den ersten Blick bequemer. Man spürt aber sehr schnell, dass dieses Leben, dass Ihnen von der sogenannten modernen Zivilisation übergestülpt wurde, den Moken nicht entspricht. Sie können damit nicht umgehen. Wie sollten sie auch? Die Situation ist hier ganz ähnlich der Situation der Indianer in den USA und Kanada, als die ersten Siedler kamen. Da kommen Menschen, die es nicht immer gut meinen und bringen Ihnen den „Segen“ der Zivilisation, der sich dann aber schnell für die Betroffenen als „Fluch“ entpuppt.
      Liebe Grüsse,
      Ellen

  • Hi Ellen,

    ich kann dein Gefühl gut verstehen. Man will ja nichts Falsches machen. Ich hatte das am Anfang auch, als ich vor ein paar Monaten in ein Massai-Dorf ging.

    Aber ich frage mich, worin besteht der objektive Unterschied, ob man ein Dorf in Thailand oder Italien besucht. In beiden Fällen ist man ein Eindringling. Die Menschen, die an beiden Orten freudlos durch die Strassen laufen und Souvenirs an Touristen verkaufen, sind an beiden Orten oft nur Foto-Objekte.

    Und was ist das für ein Menschenbild, das wir haben, wenn wir uns im thailändischen Seenomadendorf schuldig fühlen? Und sind wir mit so einem Menschenbild überhaupt in der Lage, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen?

    Ich finde das sehr schwer zu beantworten. Und vieles hängt ja auch vom Einzelfall ab. Es ist auf alle Fälle gut, sich Gedanken darüber zu machen.

    • Lieber Oliver
      Der grösste Unterschied zwischen einem Massai-Dorf, einen Seenomadendorf in Thailand und einem Dorf in Italien besteht sicherlich darin, dass wir uns hier in einem völlig anderen Kulturkreis bewegen. Unser sogenanntes „modernes“ Leben ist noch weit weg und man fragt sich, ob man nicht vieles zerstört, indem man das „moderne“ Leben bringt. Sicherlich kann man den Zahn der Zeit nicht aufhalten, aber bei den Seemoken war es so deutlich, dass ihnen unser modernes Leben nicht viel Gutes gebracht hat. Für mich schien es, als wären sie dadurch ein Stück weit entwurzelt. Ich glaube schon, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet, wenn man das realisiert. Aber wirklich beantworten kann ich die Frage, ob ein Besuch nun sensibel oder gut ist auch nicht. Es ist sicherlich gut und richtig unser eigenes Handeln zu reflektieren und zu hinterfragen.

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