Märchenhotel Bellevue – ein Sommermärchen

Im Märchenhotel Bellevue in Braunwald, Kanton Glarus, ist alles auf die ganz kleinen Hotelgäste ausgerichtet. Jeden Tag um Punkt 18 Uhr liest der Hoteldirektor den Jüngsten ein Märchen vor.

Wann immer es meine Zeit erlaubt, entziehe ich mich dem Zürcher Hochsommer und flüchte in Richtung Glarnerland. Der Klöntalersee etwa ist ein kleines Paradies: Das Wasser ist kühl, die Bergkulisse himmlisch. Diesmal haben wir jedoch ein anderes Ziel: das Märchenhotel Bellevue in Braunwald. Autofrei und – für die Kinder besonders aufregend – nur mit der Seilbahn zu erreichen.

Der Weg führt uns mitten durch Glarus. Und da kommt mir ein kleines Bergrestaurant namens Bergli in den Sinn: eine Ruheoase mit Spielplatz und fantastischer Aussicht auf den Ort. Leider ist das Café geschlossen, sodass wir schon bald weiterfahren.

Das Hotel

In Linthal lassen wir das Auto direkt bei der Talstation der Standseilbahn stehen. Unser Gepäck wird eingeladen – wir werden es erst im Hotelzimmer wiedersehen. Bis dahin dauert es allerdings noch ein Weilchen – nicht etwa, weil die Fahrt so lange dauert oder weil unser Zimmer noch nicht parat ist. Nein, oben, auf dem Hotelgelände, gibt es einfach zu viele Dinge, die die Kinder ausprobieren müssen.

Da ist als Erstes der Sirupbrunnen, an dem sich die kleinen Gäste selbst bedienen dürfen. Und auch wenn der Sirup unseren beiden Jungs zu wenig süss ist, lässt allein die Möglichkeit unendlichen Sirupgenusses ihre Herzen höherschlagen.

Und dann entdeckt unser Dreijähriger auf dem Spielplatz den Kran – den ersten Spielkran überhaupt in der Schweiz. Geschickt angelt er mit der Schaufel die Metallklötze, lenkt sie stolz in die Höhe und setzt sie dann vorsichtig wieder ab. Ein wahrgewordener Bubentraum! Der Neunjährige vergnügt sich unterdessen auf der Riesenrutschbahn.

Das Märchenhotel Bellevue war ursprünglich gar kein Familienhotel, sondern ein Grand Hotel für alle Arten von Reisenden. Bis zum Jahr 1981. „Die Geschichte des Märchenhotels beginnt mit einem kleinen Mädchen, das im Speisesaal quengelte“, erzählt mir Patrick Vogel, der das Hotel seit 2011 gemeinsam mit seiner Frau besitzt und führt. In dritter Generation. „Mein Vater, damaliger Hoteldirektor, bot dem Mädchen an, ihm ein Märchen vorzulesen – und so verging Tag um Tag, Märchen um Märchen.“ Eine Tradition war geboren.

Seit nunmehr 37 Jahren liest jeden Tag um Punkt 18 Uhr der Hoteldirektor – heute der Sohn oder dessen Frau, einmal pro Woche aber noch der Vater – den kleinen Hotelgästen ein Märchen vor. „Und so wurden wir zum Märchenhotel.“ Seit 15 Jahren trägt das Hotel Bellevue auch offiziell den Namen Märchenhotel.

Alles, aber auch alles ist hier kinderfreundlich: Es gibt mehrere Spielzimmer mit unterschiedlichen Ausstattungen – für die Jüngeren und die Älteren. Zur Rezeption gelangen die Kinder über eine Rutschbahn. Und zu den insgesamt 45 Zimmern führt ein Lift, der an mehreren Aquarien vorbeifährt und den Kindern staunende „Ohs“ und „Ahs“ entlockt. Im Zimmer selbst – mit herrlicher Aussicht auf die Glarner Bergwelt – wartet eine Kiste voller Spielsachen, Bademäntel in verschiedenen Grössen sowie kleine Wasserspieltiere. An wirklich alles ist gedacht – sogar an Milch im Kühlschrank. (Wie oft haben wir uns in anderen Hotels schon die Füsse wundgerannt, um spätabends noch Milch zu bekommen!) Für die kleineren Kinder gibt’s sogar einen Rausfallschutz – für die kurzen Nächte, denn frühes Zubettgehen ist hier oben fast unmöglich. Doch dazu später.

Nach dem Bezug des Zimmers begeben wir uns auf eine kleine Erkundungsreise. Hinter dem Hotel gibt’s eine riesige Go-Cart-Bahn mit Fahrzeugen für Gross und Klein. Unsere Kinder sind kaum mehr wegzubewegen. Den Älteren reizen zwar auch die Kletterwand und der Tennisplatz, aber die Faulheit – man müsste für die Ausrüstung schliesslich zur Rezeption gehen – überwiegt schlussendlich.

Und dann kommt der Hunger. Es ist auch schon 18 Uhr – die Zeit ist verflogen. Der Abend beginnt für alle jungen Gäste mit besagtem Kindermärchen, das dem Hotel seinen Namen gab. Währenddessen dürfen die Eltern gleich nebenan ein Weinmärchen geniessen: Der Hoteldirektor offeriert diverse Weine und gibt dabei ein paar lustige Anekdoten rund um die edlen Tropfen zum Besten. Zwanzig Minuten später begleiten wir unsere beiden Jungs in den sogenannten Saal für Könige, wo die Kinder zu Abend essen. Für jeden Gast gibt’s eine liebevoll gestaltete Namenstafel.

Danach geht’s mit den Kindergärtnerinnen zum Tierefüttern und anschliessend für die Kleinen ins Märliland und für die Grossen ins Casino, wo sie Tischfussball oder Wii spielen können.

Von all dem bekommen wir allerdings nur wenig mit: Wir geniessen ein ruhiges Dinner zu zweit. Allabendlich erwartet die Erwachsenen ein mehrgängiges Menu, das im Zimmerpreis inbegriffen ist. Da wir die Kinder gleich nebenan in den besten Händen wissen, können wir wunderbar entspannen und die Zweisamkeit ohne schlechtes Gewissen geniessen.

Das Märchenhotel Bellevue bietet das ganze Jahr über Kinderbetreuung an, acht Stunden täglich. „Wenn man Ja zu Familien sagt, dann nicht nur in den Schulferien“, findet Patrick Vogel. Das ist übrigens das Konzept aller acht Premium Swiss Family Hotels, zu denen das Märchenhotel Bellevue gehört.

In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich die Hotelleitung mehr und mehr auf Familien fokussiert. „Immer, wenn eine Erneuerung anstand, haben wir überlegt, wie wir sie kindgerecht, charmant und mit einem Augenzwinkern umsetzen können“, erzählt Patrick Vogel. Und so ist für die hoteleigenen Kaninchen der „Gotthastunnel“ entstanden, der den Tieren erlaubt, selbstständig ins Freie zu hoppeln. Und die Geissen überqueren die „Golden Geiss Brücke“, eine Miniaturversion der Golden Gate Bridge, um auf die Wiese zu gelangen. Daneben gehören zum Märchenhotel zwei Lamas sowie zwei Alpakas.

Wanderparadies Braunwald

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück (bei dem die Kinder eine Kuh „melken“ können), schnüren wir unsere Wanderschuhe. Heute geht’s auf den Zwerg-Bartli-Erlebnisweg! Die Geschichte vom Zwerg Bartli stammt aus den 1950er-Jahren und wäre vermutlich längst vergessen, wenn sie von den Besitzern des Hotels nicht zu neuem Leben erweckt worden wäre. Heute ist der Zwerg das Maskottchen von Braunwald und überall im Dorf präsent. Sogar an den Zimmerschlüsseln hängen Zwerge.

Eine Viertelstunde Fussmarsch vom Hotel entfernt fährt die Gondel hoch zum Grotzenbüel. Die Aussicht ist atemberaubend. Kaum zu glauben, dass Glarus streng genommen nur ein einziges Tal ist!

Bevor wir uns auf den Weg machen können, müssen wir die Kinder erst einmal vom Spielplatz loseisen. Wir entscheiden uns für die mittellange Strecke. Und das ist gut so: Wie so oft ist auch hier für die Kinder der Weg das Ziel. Überall finden sie Steine, Zapfen und Blumen. Während der Kleine Schätze sammelt, schiesst der Grosse wie wild Fotos – vom Gletscher, von den Wasserfällen, von riesigen Spinnennetzen. Der Erlebnisweg ist mit Schildern gesäumt, auf denen kleine Aufgaben stehen: Lauscht den Sommergeräuschen! Oder: Haltet die Füsschen ins Wasser! Des Zwergen Wort ist den Kindern Befehl.

Der Pfad führt vorbei an Rindenhüttli, Zwergenturm und Tipizelten durch den Zauberwald. Hier, wo es im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein geht, sind sogar die Hydranten als Zwerge getarnt.

Leider zieht sich der Himmel immer mehr zu und es beginnt zu regnen. Zum Glück sind wir gut ausgerüstet. Doch dann plötzlich beginnt der Kleine zu weinen: Er hat seine erste Bekanntschaft mit einer Brennnessel gemacht! Wir erreichen den Wasserspielplatz, ein Paradies für Kinder. Leider haben wir keine Würstchen mitgenommen, denn überall gibt es lauschige Grillplätze. Nächstes Mal sind wir gewappnet!

Entspannung im Märchenhotel Bellevue

Nach etwa drei Stunden erreichen wir klitschnass das Hotel. Jetzt ist es Zeit für den Pool! Er ist angenehm warm und man kann von drinnen nach draussen schwimmen. Von dort aus hat man direkte Aussicht auf die Berge. Schöner geht’s nimmer!

Heute möchten die Kinder mit uns gemeinsam zu Abend essen. Auch das ist im Märchenhotel kein Problem. Überhaupt ist hier jeder und alles flexibel – geht nicht gibt’s nicht.

Bereits bevor unser Hauptgericht kommt, sind die Kinder schon wieder in Richtung Spielzimmer verschwunden und wir können uns erneut über ein Tête-à-Tête freuen. Jetzt wäre der Moment, die Wellnessoase auf dem Dach zu erkunden, denken wir. Doch leider schliesst sie um 19 Uhr. Nächstes Mal müssen wir besser planen. Denn auch das gehört zu einem perfekten Familienurlaub: ein klein wenig Elternzeit. Doch die können wir auch auf unserem Balkon geniessen. Natürlich lassen die Kinder nicht lange auf sich warten.

Action rund um Braunwald

An unserem letzten Tag lacht die Sonne wieder. Sollen wir eine Bike-Tour zum Oberblegisee machen? Wir entscheiden uns dagegen, weil es doch ein rechtes Stück Weg ist und die Kinder im Anhänger sitzen müssten. Ja, es gibt natürlich auch Veloanhänger hier oben in Braunwald!

Wir beschliessen, ins etwa 30 Minuten entfernte Elm zu fahren. Die Kinder möchten unbedingt den Riesenwald sehen. Mit der Bahn geht’s hoch zur Bergstation Ämpächli – und schon wieder kommen wir nicht vom Fleck. Diesmal nicht wegen eines Spielplatzes (den es allerdings auch gibt), sondern wegen einer Goldmine. Also holen wir uns einen Kaffee und schauen den Kindern beim Goldwaschen zu.

Dann machen wir uns auf den Weg durch den Riesenwald – ein leichter Wanderweg mit verschiedenen Stationen und hölzernen Riesen.


Wir müssen uns etwas sputen, weil wir mit Trottinetts hinunter ins Tal sausen möchten. Was für ein Erlebnis!

Fazit

„Ich will noch nicht gehen. Es ist viel schöner hier!“ Das sind die Worte unseres Dreijährigen, als wir am dritten Tag unsere Koffer packen. Schöner als was auch immer – für die Kinder war der Aufenthalt wahrlich märchenhaft.

Und für uns nicht minder. Denn wir hatten viel Zeit als Familie, aber auch genügend Zeit für uns als Paar, weil die Kinder immer beschäftigt waren.

Ob es ihm nicht manchmal zu viel werde mit dem pausenlosen Kinderlärm, frage ich den Hoteldirektor, als wir uns verabschieden. „Doch“, gibt der zweifache Familienvater zu. Dann freue er sich auf die traditionelle Musikwoche Anfang September, in der das Hotel alljährlich für eine Woche zum Erwachsenenhotel mutiert. „Doch nach dieser Woche sehne ich mich schon wieder nach der ersten Rasselbande“, lacht er. Und auch seine 40 Angestellten seien von Kopf bis Fuss auf Kinder eingestellt. „Bei uns heisst guter Service nicht, dass man den Wein unbedingt von rechts einschenken muss, sondern vor allem, dass man Rücksicht auf die Kinder nimmt.“

Damit diesen der Abschied vom Märchenhotel nicht ganz so schwerfällt und das Erlebnis noch etwas nachhallt, bekommen sie am Ende ein Hörspiel geschenkt. Natürlich ein Märchen. Sagenhaft. Im Winter kann man hier oben übrigens auch Ski fahren. Dann wird aus Braunwald, ganz in Heine’scher Manier, ein Wintermärchen.


Wer schreibt hier?

Miriam Bosch

Gast-Autorin
Miriam liebt es, neue Welten zu entdecken – seien sie nah oder fern. Low-Budget-Reisen durch Südostasien gehören für sie ebenso dazu wie ein Verwöhnwochenende in den Alpen. Wichtig sind ihr vor allem zwei Dinge: Die Reiseorte müssen authentisch sein. Und: Sie müssen nicht nur sie und ihren Mann, sondern auch ihre Kinder begeistern.
Neue Beiträge abonnieren


Offenlegung: Diese Reise fand auf Einladung des Märchenhotel Bellevue statt. Die Meinung der Autorin bleibt davon unberührt.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.