Reisen als Fastfood! Ein Denkanstoss

Länder sammeln liegt im Trend. Sogar Weltrekorde im Länderschnellsammeln werden aufgestellt. Wir versuchen immer schneller und weiter zu reisen. Rasende Reisende - ist es das, was wir sein wollen?

Unsere Welt wird immer schneller. Das gilt leider nicht nur für die Anforderungen des Berufslebens, sondern in zunehmendem Masse auch für das Reisen.Wir sammeln Länder. Wenn möglich in Rekordzeit.

„Weltreise in Rekordzeit“ titelte Spiegel Online kürzlich und berichtete von einer 23 Jährigen die den aktuellen Weltrekord der 27 jährigen Amerikanerin Cassie de Pecol, im Ländersammeln unterbieten will. In k napp 19 Monaten schaffte es Cassie de Pecol alle Länder dieser Welt zu durch zu hecheln, was ihr einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde einbrachte.Die 23 jährige Taylor Demonbreun aus Alabama möchte nun schneller sein. Der Spiegel zitiert die rasende Reisende mit folgenden Worten: „Es ist besser, einen kleinen Teil eines Landes zu sehen, als gar keinen“.

Damit liegt sie offensichtlich voll im Trend. Ein Schweizer Reiseveranstalter bietet dieses Jahr gemeinsam mit einer Schweizer Fluggesellschaft  eine Weltumrundung in 23 Tagen an. Wenn ich richtig gezählt habe, komme ich dabei auf 10 Länder in 23 Tagen. Die Reise ist laut Aussagen der Veranstalter gut gebucht. Was für ein Erlebnis!

Vom ökologischen Aspekt möchte ich erst gar nicht sprechen. Hier steht es mir als Vielreisende ohnehin nicht zu, mit dem Finger auf Andere zu zeigen. Auch ich bin zuweilen eine rasende Reisende. Bei Weitem nicht so extrem, wie die beiden jungen Blitzreiserinnen und die Weltumflitzer, aber auch schnell. Pressereisen sind in aller Regel nur kurz. Im Schnitt etwa 3 Tage. Das muss reichen, um einen Eindruck zu bekommen und die Essenz eines Landes oder einer Region zu erfassen. Das tut es in aller Regel auch. Natürlich auch dank der Tatsache, dass die meisten Regionen ihre Hausaufgaben gut erledigen und uns Bloggern und Journalisten die Geschichten und Eigenheiten eines Landes auf dem Silbertablett präsentieren.

Aber etwas bleibt auf der Strecke: Das wahre Wesen eines Ortes und seiner Menschen erfasst man so nur sehr oberflächlich. Platz um eigene Geschichten zu finden und Menschen zu begegnen bleibt da selten. Eigentlich schade, denn das ist es doch, was das Wesen einer Reise ausmacht. Reisen ist ein Schatz, dessen einzelne Juwelen verteilt unter der Oberfläche gefunden werden müssen. Das Schöne daran ist, dass jeder der sich Zeit nimmt einen ähnlichen und doch völlig anderen Schatz findet, als ein anderer Reisender. Wer durch ein Land hetzt, dem werden diese Schätze weitgehend verborgen bleiben.

Zwei Tage China reichen, um die chinesische Mauer zu sehen! Ganz bestimmt ein beeindruckendes Erlebnis. Aber hey, das war es dann auch schon. Kein Blick in einen Hinterhof, kein Gespräch – auch nicht mit Händen und Füssen. Nichts, was mir das Leben und die Menschen in einem Land erschliesst.

Wir bringen uns mit unserer Gier nach Erlebnissen, mit dem Wettkampf um Länder um die schönsten Momente!

Ich wünsche mir mehr Zeit. Mehr Zeit zu sehen, zu staunen und einzutauchen in eine andere Kultur. Mehr Zeit für die Menschen, die diese andere Kultur ausmachen. Mehr Zeit zu verstehen.
Ich gestehe, dass ich es seit meiner Interrailreise durch Europa im zarten Alter von 18 Jahren nie mehr geschafft habe, länger als 2 ½ Wochen am Stück zu reisen. Natürlich gibt es dafür gute Gründe. Teils war es beruflich nicht möglich, oder die Finanzen spielten nicht mit.

Je älter ich werde, desto mehr spüre ich die Sehnsucht mir mehr Zeit fürs Reisen zu nehmen – mehr Zeit zu nehmen genauer hinzusehen.

Ich werde beruflich weiterhin als rasende Reisebloggerin auf der Suche nach neuen Geschichten sein, aber ich träume davon mit Zeit zu reisen. In einer Region anzukommen.

Ich wünsche mir, dass Reisen nicht zu einem lieblos zusammengeklatschen und in Papier eingewickelten Papphamburger verkommt. Reisen soll Genuss sein! Nur wer geniesst, der schafft es die einzelnen Zutaten und Gewürze eines liebevoll, mit Zeit und guten Zutaten gezaubertes Gerichtes zu schmecken.

Ich wünsche mir Zeit zu reisen – mehr Zeit – viel mehr Zeit!

Manchmal beneide ich die Entdecker von früher, Alexander von Humboldt ganz besonders. Das Reisen damals war unglaublich beschwerlich und gefährlich, aber man hatte Zeit. Tausende Pflanzen hat Humboldt auf seinen Reisen gesammelt und getrocknet. Er hat riesige Regionen von Mittel- und Südamerika kartographiert. Was muss es damals bedeutet haben, eine solche Karte anzufertigen? Wie intensiv musste man sich mit einer Region und ihren Gegebenheiten auseinandersetzen, um diese auf Papier abzubilden? Um diese Zeit beneide ich die Entdecker von damals.

Ich möchte auch sehen können, was sich hinter dem nächsten Hügel, in einer versteckten Gasse verbirgt! Nur so kann ich  meine ganz persönliche Schatzkarte eines Landes erstellen.

Ich möchte Länder nicht konsumieren, sondern ein klitzekleiner Teil werden von ihnen. Ein Stück des Wesens eines Landes nehme ich dann in meinem Herzen nach Hause mit. Das macht mich reich – und nicht die Anzahl der Länder!

Wie seht Ihr das?
Fastfood oder Genuss?

Mit nachdenklichen Grüssen,

 


Wer schreibt hier?

Die Autorin: Ellen Gromann-GoldbergEllen Gromann-Goldberg

Globetrotterin mit Anhang, immer mit der Kamera im Anschlag und dem Notizblock in der Hand. Mit und ohne meine Familie, zwei Teenager, ein Twen und ein Mann, bin ich auf der Suche nach den besonderen Orten, Erlebnissen und Geschichten rund um die Welt und in meiner Heimat am schönen Bodensee.
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13 Comments

  • Liebe Ellen!
    Ich bin da ganz deiner Meinung – Genuss vor Fastfastfaster! Ich muss mich aber auch selbst an der Nase nehmen, denn als ich mit dem Reisen so richtig begonnen habe – so mit 18 – habe ich auch mehr auf die Anzahl der Länder gespitzt, als mich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. In einem Jahr habe ich dann sogar 12 neue Länder und einige andere zum wiederholten Male besucht. Ich brauch nicht zu sagen, dass es eines der anstrengendsten Reisejahre war und ich mir den Stress nicht mehr zumuten möchte und die Länder, die ich besuche auch wirklich erleben und in deren Kultur (und deren Essen) eintauchen möchte.
    Alles Liebe und bis bald,
    Viki

  • Hallo Ellen! Danke für diesen ehrlichen Beitrag! Ich hab auch erst vor ein paar Tagen den Artikel auf SPON über die Amerikanerin gelesen und musste echt lachen. Bin gespannt, wie sie ganze Guides zu den Ländern veröffentlichen möchte, wenn sie beispielsweise nur eine Stunde in Monaco war – der Hammer. Ich bin definitiv auch für langsames Reisen und vor allem für das Kennenlernen von Kulturen und Menschen, und das geht eben nicht in ein paar Stunden. Viele Grüße und bis bald mal 🙂

    • Liebe Anne
      Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar! Die Guides zu den Ländern werden sich dann vermutlich auch durch ihre Kürze auszeichen. Frei nach dem Motto, wie schaffe ich es ein Land mit einem Wort zu beschreiben. Das wäre doch auch eine Herausforderung!
      Liebe Grüsse,
      Ellen

  • Ich wollte auch immer viel reisen, schaffte eine Fernreise als junge Frau und dann 20 Jahre nur arbeiten und Kinder großziehen — es war wunderschön, aber doch will ich noch etwas von der Welt sehen, nun ich endlich ein wenig Zeit und Geld habe. Durch einen totalen Zufall (ich gewann eine Reise nach Indien) kam ich dann 2016 doch in die Ferne. Mit dem Alter kommt die Weisheit : Dort in Indien sah ich, dass die meisten Inder sich eine Reise ins Ausland gar nicht leisten können. Also habe ich jetzt Bekannte aus Indien eingeladen — ich bin sicher, es wird mir genau so viel Spaß machen, denen unser schönes Land zu zeigen, wie wenn ich in exotischen Ländern herumflaniere. Eine Fernreise kann ich dann ja wieder in ein, zwei Jahren selber machen–wenigstens eine!
    Toller Blog übrigens.

  • Danke für den Beitrag! Die Aktion dieser 23-Jährigen ist unsäglich, beim Lesen des Artikels habe ich mich sehr geärgert. Ich halte von diesem „5-Länder-in-2-Wochen“-Rumgereise gar nichts, meist bleiben wir auf unseren Fernreisen vier Wochen in einem Land. Und haben oft immer noch nicht alles Interessante gesehen …

    • Leider habe ich selbst es aus vielerlei Gründen bis jetzt nicht geschafft, länger als 2 1/2 Wochen ein Land zu bereisen. Aber ich wünsche mir sehr, dass sich das in Zukunft anders einrichten lässt. Langsamer und noch genussvoller zu reisen ist mein Ziel. Eigentlich tun mir diese gehetzten und rasenden Reisenden fast ein wenig leid.

  • Schrecklich, wenn der eigentliche Sinn des Reisens – sich auf etwas Neues einzulassen, fremde Kulturen kennenzulernen – so diskreditiert wird. Reisen als Rekordstreben – da schaudere ich. Wenn ich wirklich etwas sehen und erfahren möchte, muss ich mir auch Zeit nehmen, aber manche verstehen das nicht. Aber ich habe leider auch schon Leute kennengelernt, die Länder einfach abhaken. Interesse gleich null.

    • Liebe Roswitha
      Eigentlich können einem solche Menschen nur leid tun. Die bringen sich selbst um so viel Schönes.
      Liebe Grüsse,
      Ellen

  • Hallo Ellen,
    ich stimme Dir voll und ganz zu und bin definitiv ein Genuss-Reiser, wie soll man den beim immer schneller werdenden Reisen noch etwas von Land und Kultur mitbekommen, da sind mir Land und Leute definitiv wichtiger, als irgendeine Sehenswürdigkeit abgehakt zu haben.
    Ich hatte das Glück beruflich sehr viel zu reisen und vor allem auch sehr lange vor Ort zu sein, das vermisse ich sehr, deshalb versuche ich mit der Familie immer so lange wie möglich unterwegs zu sein und nicht durch ein Land zu brausen. Wäre uns auch viel zu stressig 🙂
    Ganz liebe Grüße von nebenan
    Evelyn

    • Liebe Evelyn
      Hab vielen Dank für Deinen Kommentar. Das kann ich mir gut vorstellen, dass Dir das fehlt. Früher habe ich immer davon geträumt in einem fernen Land zu leben, um so richtig ein Teil zu werden von einem anderen Land. Leider hat sich das nie ergeben. Beruflich „rase“ ich ja häufig durch Länder – umso wichtiger wird es mir auf meinen privaten Reisen dagegen zu steuern. Ich hoffe sehr, dass wir es im nächsten Jahr endlich mal schaffen länger als nur zwei Wochen zu reisen. Ich plane auf jeden Fall schon darauf hin. Ideen sind übrigens jederzeit sehr willkommen!
      Ganz liebe Grüsse,
      Ellen

  • Hallo Ellen,
    Ich kann dir nur voll zustimmen. Dieses „Ländersammeln“ hat für mich nichts mit Reisen zu tun. Ich denke, spätestens seitdem es den Pauschaltourismus und die Billigfluglinien gibt, machen viele Menschen einen „Schaufensterbummel“ durch die Welt. Das ist meiner Meinung nach reiner Konsum. Früher war ich auch oft länger mit dem Rucksack unterwegs. Leider habe ich mittlerweile auch nicht mehr so viel Zeit und Flugreisen fallen sowieso flach, seitdem ich einen Hund habe. Ich habe aber festgestellt, dass man gar nicht viel Zeit braucht und auch nicht weit reisen muss, um Neues zu entdecken und sein eigenes Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Man muss nur mal ein paar Tage in den Bergen verbringen, auf einer Almhütte übernachten oder ein abgelegenes Dorf in den Alpen besuchen. Dort lernt man mitunter fremdere Kulturen kennen, als tausende Kilometer weit weg. Ich wünsche dir auch jeden Fall, dass du in Zukunft mehr Zeit für viele „klitzekleine“ Entdeckungen auf deinen Reisen hast!
    Liebe Grüße von Andrea

  • Hallo Ellen,
    den Fastfood-Vergleich finde ich absolut passend, wirklich wunderbar! Mich nervt diese Mentalität ungeheuer, auch wenn natürlich letztlich jeder selbst entscheiden muss, wie er reist und was er auch für Möglichkeiten hat. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich in irgendeinem Profil lese „x Kontinente, x Länder“. Gähn! Ich persönlich reise lieber langsamer. Es kommt häufig vor, dass wir die grob geplante Tour gar nicht schaffen, weil wir unterwegs irgendwo „versacken“. Auch bei unseren beiden Elternzeittouren von jeweils 2 Monaten haben wir nur einen Bruchteil der Kilometer geschafft, die andere Familien in der gleichen Zeit abgerissen haben. Eben weil wir geblieben sind, wo es schön war. Weil wir uns eine Region genauer angeguckt haben, statt sofort einen Haken an das ganze Land zu setzen. Wir haben ja nichtmals weniger gesehen als die anderen, nur andere Dinge. Praktischer finde ich es zudem, denn bei der nächsten Reise können wir dort anknüpfen, wo die vorige aufgehört hat.
    Liebe Grüße, Nicole

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