Reisetipp im Frühling: Pontresina in der Zwischensaison – ein kleines Schatzkistchen

Auf den ersten Blick macht Pontresina in der Zwischensaison einen verschlafenen Eindruck. Fast alles hat geschlossen. Aber genau dann ist der besten Zeitpunkt auf Schatzsuche zu gehen. Vom wilden Gletscher, Steinbockbeobachtungen im Dorf und weiteren Schätzen.

Die Wettervorhersage für unsere Wanderung und die Steinbockbeobachtung in Graubünden ist lausig. Ein Wintereinbruch im Mai wird erwartet. Das braucht doch kein Mensch. Wir haben Frühling! Zähneknirschend entschliessen wir uns das Auto zuhause stehen zu lassen und mit der Bahn ins Engadin, genauer nach Pontresina zu reisen. Sonst müssten wir die Winterreifen nochmal montieren lassen. Das macht keinen Sinn.

Was für eine glückliche Entscheidung!

Viadukt Rhaetische Bahn
Atemberaubende Viadukte werden mit der Rhätischen Bahn überquert (hier das Landwasser Viadukt)

Die Fahrt mit der mit mit der Rhätischen Bahn ab Chur ist einfach atemberaubend. Kein Wunder, erhielt diese Bahnlinie die Anerkennung als UNESCO-Welterbe. Die Reise entlang der steilen Bergflanken, über zahlreiche Brücken und Viadukte, durch Tunnels und einen Kehrtunnel ist ein kurzweiliges Erlebnis und so vergeht die Zugfahrt sprichwörtlich „wie im Fluge“.

Rhaetische Bahn Graubuenden
Unterwegs bieten sich vom Zug aus tolle Ausblicke
Rhaetische Bahn Graubuenden
Die Strecke der Rhätischen Bahn ist traumhaft schön

Nächster Halt: Pontresina!

Hier steigen wir aus. Vom Bahnhof geht es bergauf mit uns – in Richtung Dorf. Das historische Bergsteigerdörflein mit zahlreichen traditionellen Engadinerhäusern und dem „Duft von grosse weite Welt“, den die Prachtbauten aus der Belle Epoque dem zur Nebensaison recht verschlafenen Ort einhauchen, ist eine Augenweide. Aber eben: Anfang Mai scheint der Ort fast ausgestorben. Die meisten Wintersportler haben ihre Bretter bereits in den Keller gestellt und die Sommergäste warten noch auf den Frühsommer.

Pontresina Fruehling
Pontresina im Dronröschenschlaf – hübsch anzuschauen!

Im Mai fällt Pontresina in einen kurzen Dornröschenschlaf und wartet darauf, ab Anfang Juni von den ersten wanderlustigen Gästen wieder wachgeküsst zu werden. So lange wollten wir aber nicht warten und so wagen wir es, den angekündigten Wintereinbruch im Nacken, mit einer Wanderung entlang des Gletscherlehrpfades zum Morteratsch-Gletscher den Wanderfrühling zu eröffnen.

Gletscherlehrpfad Morteratsch

Wir starten an der Station Morteratsch. Es flöckelt ein wenig. Nicht weiter störend, denn die Sonne scheint hübsch in die Flöckchen rein. Der Himmel tanzt. Womit wir allerdings nicht mehr so wirklich gerechnet haben, ist der Schnee, der hier immer noch den Weg bedeckt. Immerhin befinden wir uns auf fast 2’000 m. ü.M. Bei jedem Schritt sinken wir fast bis zu den Knöcheln im sulzigen Schnee ein und der eigentlich einfache, im Sommer auch für Kinderwagen geeignete Wanderweg wird zur kleinen sportlichen Herausforderung. Während wir uns in schweren Wanderschuhen durch den Schnee kämpfen, kommt uns ganz leichtfüssig eine Gruppe Koreaner entgegen – in Turnschühchen und einem verzücktem Lächeln im Gesicht.

Morteratschgletscher Wanderweg
Wir kämpfen uns durch den Schnee in Richtung Morteratschgletscher

Die Sonne brennt zwischen den Wolken auf uns herunter uns es flöckelt nicht mehr. Wie war das noch mit dem Wintereinbruch? Im Geiste sah ich uns schon durch den Schneesturm wandern. Gian und Giachen, die beiden berühmten Graubündner Wetterfrösche in Gestalt von Steinböcken, haben da bestimmt etwas gedreht!? Meine Winterjacke ist bei diesem Wetter viel zu warm und Mütze und Handschuhe haben wir erst gar nicht aus dem Rucksack geholt. Stattdessen hätten wir mal besser die Sonnencreme eingepackt! Wären da nicht die 16 überaus erfrischend geschriebenen Infotafeln entlang des Wegs zum Gletscher, seinem Einfluss auf die Natur, seinen Besonderheiten und auch zu seinem stetem Rückgang, hätte ich vermutlich schon auf halber Strecke zu Gunsten einer feinen Engadiner Nusstorte in einem netten Café aufgegeben.

Gletscher Graubuenden
Unglaublich, die Kräfte von Wasser und Frost, die da wirken…

2,9 km ist der Weg zum Gletscher nur lang, aber wir brauchen statt einer knappen Stunde fast eineinhalb. Auch wenn der Gletscher vor uns noch unter einer dicken Schneedecke ruht, hüllt uns die Weite und Ruhe der Landschaft magisch ein. Zeit zum Staunen und Innezuhalten! Jetzt verstehe ich das verzückte Lächeln der Koreaner.

Morteratschgletscher Lehrpfad
Die Ruhe und die Weite am Morteratschgletscher ist beeindruckend

Auf dem Rückweg läuft es sich bergab etwas einfacher durch den Schnee und so wandern wir nun doch auch irgendwie leichtfüssig und lächelnd zurück zum Ausgangspunkt unserer kleinen Schneewanderung. Dabei erhalten wir auf den Rückseiten der Infotafeln spannende Einblicke in das dörfliche Leben in Pontresina und seine touristische Entwicklung. Ehe wir’s uns versehen, sind wir zurück an der Station Morteratsch. Die Sonne lacht weiterhin und ich frage mich, ob sie sich über unsere nun doch recht sonnengeröteten Köpfe amüsiert. Nix mit Wintereinbruch! Wir sollten uns bei Gian und Giachen bedanken!

Gletscherlehrpfad
Bergab geht es durch den Schnee viel einfacher
Infobox zum Gletscherlehrpfad Morteratsch

Der Gletscherlehrpfad Morteratsch beginnt direkt bei der Station Morteratsch der Rhätischen Bahn. Der Weg ist insgesamt 5,8 km lang und sehr einfach (wenn nicht grade noch viel Schnee liegt) zu gehen. Die Infotafeln entlang des Weges sind infornativ und kurzweilig geschrieben. Eine lehrreiche Wanderung, die ich auch Familien mit kleinen Kindern sehr empfehlen kann. Der Weg ist kinderwagengängig.

Bei der Station Morteratsch gibt es ein Restaurant mit Terrasse und einem grossen Spielplatz.Das Restaurant ist aber leider in der Zwischensaison geschlosssen.

Steinböcke beobachten in Pontresina

Am Nachmittag treffen wir uns am Kongresszentrum, mitten im Dorfkern von Pontresina, mit Christine Salis. Christine Salis ist Wander- und Dorfführerin aus Leidenschaft. Das hört und spürt man schon beim ersten Satz der sympathischen Frau. Ausserdem hat sie sehr gute Beziehungen zu Gian und Giachen – und bei denen wollen wir uns ja schliesslich noch bedanken. Christine führt uns ein kurzes Stück bergauf und schon von weitem können wir ein paar Steinböcke auf einer Wiese oberhalb des Dorfes erspähen. Ich liebe diese majestätischen Kletterer und es war ein langgehegter Wunsch von mir, ihnen in freier Wildbahn sozusagen Tête-à-Tête zu begegnen.

Steinboecke Pontresina
Die Steinböcke stehen nur wenige Meter entfernt auf der Wiese und lassen sich nicht stören

Im Frühling kommen (nur) die männlichen Steinböcke runter ins Tal, um sich an den frischen Gräsern gütlich zu tun. Dieses Jahr konnte man sie bereits im Februar am Ortsrand beobachten, erfahre ich von Christine Salis. Die Steinbock-Geissen, die bis in den Juni trächtig sind, bleiben lieber oben in den Felswänden und auf den oberen Bergwiesen in Sicherheit. Recht haben sie. Die Tatsache, dass die Steinböcke so wenig menschenscheu sind, wäre ihnen beinahe zum Verhängnis geworden. Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Steinböcke praktisch ausgerottet. Einerseits war es der Hunger, der die Bevölkerung dazu zwang, die Tiere zu jagen und andererseits der Irrglaube, dass alle möglichen Körperteile der stolzen Tiere eine Heilwirkung hätten. Lediglich in der Gegend um den Gran Paradiso, im Aostatal in Italien, hielt sich der damalige italienische König Vittorio Emanuele II noch eine kleine Population.

Pontresina Steinbockbeobachtung
Es ist ein Traum diese majestätischen Tiere in freier Wildbahn zu beobachten

Irgendwann erkannte man in den schweizer Bergen, dass ohne den König der Berge etwas Massgebliches in den Bergen fehlte. Das Ziel, den Steinbock wieder in den Schweizer Alpen anzusiedeln wurde deshalb bereits im Jahre 1875 im Jagdgesetzt festgeschrieben. Freiwillig hergeben wollte der italienische König seine prächtigen Tiere aber nicht. Er liebte die Jagd und wollte seine Trophäenträger für sich behalten. Was folgte, ist ein kleiner Krimi um schweizer Wildhüter und Wilderer aus dem Aostatal, die gemeinsam einen Plan ausheckten, um den König der Berge wieder an seinen rechtmässigen Platz zu bringen.

Steinbock Pontresina
Die Steinböcke lassen sich wirklich gar nicht stören

Die Wilderer aus dem Aostatal brachten es schliesslich fertig, 59 Tiere zu entführen und über die Grenze zu schmuggeln. Diese wurden dann dem Wildpark St. Gallen übergeben. Diese wurden, gemeinsam mit weiteren Tieren, die später im Alpenwildpark Harder in Interlaken aufgezogen wurden, die Vorfahren der Steinböcke, die wir heute wieder in Freiheit in den Schweizer Alpen beobachten können. Heute gibt es allein im Kanton Graubünden eine Population von etwa 6’000 Tieren und zwischenzeitlich gab es sogar eine gewisse Überpopulation, die reguliert werden musste.

Während ich Chrsitines Ausführungen ganz gespannt lausche, rutscht ein Steinbock vor mir auf dem Hosenboden den Buckel runter, als wollte er ein kleines Kunststück vorführen. Was tut man nicht alles, um das juckende Winterfell abzuschaben!

Wusstet Ihr,

… dass die Alpensteinböcke eine Ziegenart sind und dass es mitunter Hybride, also (ungewollte) Kreuzungen mit Hausziegen gibt? Die sehen ziemlich witzig aus: Hausziegen mit Steinbockhörnern…

Gut zwanzig Steinböcke sehen wir an diesem Tag aus nächster Nähe und es schient, als würden sich manche von ihnen extra für die Kamera in Pose werfen.

Steinbock Engadin
Manche werfen sich richtig in Pose

Ach ja, und übrigens: Danke Gian und Giachen für das bombige Wetter! Toll, dass ich euch hier meinen Dank sogar persönlich überbringen kann!

Vor lauter Begeisterung hätten wir beinahe übersehen, was sich direkt hinter uns im Gras abspielt. Zum Glück nur beinahe. Zwei männliche Kreuzottern schlängeln sich umeinander und kämpfen. Wow! Was für ein Erlebnis!

Kreuzotter
Zwei ringende männliche Kreuzottern
Wusstet Ihr,

… dass das Gift der Kreuzotter zwei bis dreimal giftiger ist (Quelle: Wikipedia), als das der amerikanischen Diamant-Klapperschlange ist. Allerdings ist die Giftmenge so gering, dass ein Biss für erwachsene Menschen in aller Regel nicht lebensgefährlich ist. Trotzdem sollte man nach einem Biss ein Spital aufsuchen. Für Hunde hingegen ist ein Biss innerhalb kurzer Zeit tödlich.

Aber keine Angst: Kreuzottern sind normalerweise sehr scheu und es grenzt schon fast an ein Wunder, dass wir sie bei ihrem Ringkampf beobachten konnten.

Irgendwann lösen sich die beiden wieder von einander und jede schlängelt sich in eine andere Richtung. Zeit, das Augenmerk wieder auf die prächtigen Könige der Berge zu richten.

Kreuzottern Pontresina
Was für ein toller Anblick!

Später kehren wir zufrieden zurück ins Dorf. Das Wetter war prima, Steinböcke gab es in Hülle und Fülle und sogar noch zwei Kreuzottern obendrauf. Während im Dorf scheinbar nichts los ist, fährt die Natur gross auf!

Infos zu den Steinbockführungen
  • In Pontresina Jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag ab Mitte April bis Anfang Juni, finden kostenlose Führungen zu den Steinböcken statt. Treffpunkt ist um 16 Uhr vor dem Kongresszentrum. Die Führung dauert etwa 2-3 Stunden und ist auch für Familien mit kleineren Kindern zu empfehlen.
  • Weitere Infos über die Steinböcke und zu Steinbockführungen auch an anderen Orten im Kanton Graubünden findet Ihr auf:
    https://www.graubuenden.ch/de/regionen-entdecken/geschichten/steinbock-zahlen
Steinbockbeobachtung Familien
Die Steinbockbeobachtung ist auch für Familien ein schönes Erlebnis

Von wegen im Dorf nicht los…

Kleines Schatzkistchen Pontresina

Da Christine eben nicht nur als Wanderführerin, sondern auch als Dorfführerin unterwegs ist, versorgt sie uns auf dem Weg ins Dorf mit jeder Menge Informationen zum vergangenen und gegenwärtigen Leben in Pontresina. Vom Sohn einer Grossfamilie, der als kleines Kind zu Pflegeltern gegeben wurde, die mit ihm nach Amerika auswanderten. Die Pflegeeltern starben aber früh bei einem Unfall und so kam es, dass der mittlerweile junge Mann allein in die Schweiz zurückkehrte, um seine Familie wieder zu finden. Er fand sie, blieb und gründete die erste Skischule am Bernina.

Egadinerhaus Sgraffito
Ein hübsches Engadinerhaus mit der typischen Sgraffito

Oder die Geschichte von der Familie, die das alte Engadinerhaus mit Stallung so umbaute, dass es heute jeweils ein Haus für jede der beiden Töchter mit Familie und eines für die Eltern beeinhaltet. Bei den Umbauarbeiten wurde unter einem alten Balken, der ausgewechselt werden musste, ein alter Schatz aus vielen Münzen gefunden.

Während Christine erzählt, schaut eine ältere Damen zum Fenster raus: „Verzehlsch wieder üseri Familiegschicht und vom Schatz?“ ruft sie Christine zu. Kaum haben wir bejaht, steht sie auch schon neben uns auf der Gasse und präsentiert das kleine Holzkästchen, in dem in einer Socke eingewickelt eine grosse Zahl Münzen, vermutlich der Notbatzen für schlechte Zeiten, aufbewahrt waren.

Schatz Pontresina
Dieses Schatzkistchen gefüllt mit einer Socke voll mit Münzen wurde beim Umbau hinter einem Balken, in einer Nische gefunden

Pontresina ist wahrlich ein einziges Schatzkistchen!

Stille Wasser sind tief. Das gilt auch für Pontresina und die Umgebung in der Zwischensaison bzw. im Frühling. Auch wenn der Ort zu dieser Jahreszeit zugegebenermassen auf den ersten Blick etwas ausgestorben scheint, lohnt es sich grade dann besonders einen zweiten Blick darauf zu werfen. Wir zumindest haben auf diese Art so einige Schätze entdeckt!

Mit sonnigen Grüssen,
Eure Patotra

Engadinerhaus

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Bloggerkollegin Angela vom Reiseblog unterwegs mit Kind war mit ihrem Sohn im Sommer in Pontresina und Umgebung unterwegs.
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Wer schreibt hier?

Die Autorin: Ellen Gromann-GoldbergEllen Gromann-Goldberg

Globetrotterin mit Anhang, immer mit der Kamera im Anschlag und dem Notizblock in der Hand. Mit und ohne Familie bin ich auf der Suche nach den besonderen Orten, Erlebnissen und Geschichten rund um die Welt und in meiner Heimat am schönen Bodensee.
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Offenlegung: Unsere Recherche wurde von Pontresina Tourismus und Graubünden Tourismus unterstützt. Meine Meinung bleibt davon unangetastet.


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