Salzburg – zu Besuch in der Schirmmanufaktur Kirchtag

Schirmerzeuger
In der Salzburger Schirmmanufaktur Kirchtag werden nach alter Tradition Schirme in Handarbeit hergestellt und bis zu 1'500 Schirme pro Jahr repariert. Andreas Kirchtag erzählt die Geschichte seines Traditionsbetriebes.

In der berühmten Getreidegasse in Salzburg steht nicht nur Mozarts Geburtshaus, sie ist auch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes. Hier finden sich noch zahlreiche Manufakturen und Handwerksbetriebe, die anderenorts längst ausgestorben sind. Einer dieser Handwerksbetriebe ist die Schirmmanufaktur von Andreas Kirchtag.

Kirchtag Salzburg

„1903 hat mein Uropa die Schirmmanufaktur gegründet“, berichtet mir Kirchtag bei unserem Rundgang durch seine Werkstatt.

„Damals befand sie sich allerdings noch etwas weiter unten in der Getreidegasse. Meine Oma war es dann, die den Betrieb an die Getreidegasse 32 verlegen liess. Die Nähe zu Mozarts Geburtsthaus versprach mehr Kundschaft. Seit den 1940er Jahren befindet sich das Geschäft nun an dieser Adresse.“

Andreas Kirchtag

Seit den 1990er Jahren führt Andreas Kirchtag das Geschäft. Mit Lederwaren und Koffern, die etwa 70% der Waren ausmachen, hat er sich ein zweites Standbein geschaffen.

„Kein Regen war kein Geschäft“, so Kirchtag und mit der Erweiterung des Sortiments, konnte man sich etwas vom Wetter unabhängiger machen.

In den 1970er Jahren hatte sein Vater, ein gelernter Schirmmachermeister, einst ganz mit der Schirmproduktion aufgehört. Billigschirme aus Fernost schienen ein Überleben der Schirmmanufaktur unmöglich zu machen. Er konzentrierte sich rein auf die Reperatur von Schirmen. Rund 10’000 Schirme wurden damals jährlich repariert. Bei Regenwetter konnten es bis zu 300 Schirme täglich sein.

Werstatt Schirmmanufaktur

Als Andreas Kirchtag den Laden übernahm, wollte er unbedingt wieder anfangen Schirme zu produzieren. „Wir hatten alles da, die Werkstatt und das Material.“

Also fing er an zu produzieren. Zuerst nur schwarze Herrenschirme. Dann folgten Grüne. Das ging einige Jahre so, bis immer mehr Damen an seiner Türe anklopften. Sie wollten auch so schöne Schirme haben. Kirchtag erweitete daraufhin das Sortiment und bestellte passende Stoffe von seinem Mailänder Lieferanten. „Schirmstoffe sind ganz besondere Stoffe“, erläuert Kirchtag. „Die sind gar nicht einfach zu bekommen.“

Einfacher zu bekommen, wenn auch recht aufwendig in der Verarbeitung, sind die Schirmstöcke. Kirchtag kauft dafür ganze Baumstämme aus Kirschbaum, Eiche, Pflaume, Palisander, Olive, Zebrano und mehr. Diese werden in einer Stockfabrik in Deutschland nach dem Zuschneiden gebogen und mit Leinöl eingepinselt. So liegen sie dann ein Jahr in seiner Werksatt und ruhen. Fein säuberlich mit ihrem Entstehungsdatum versehen.

Schirmstoecke

Frühestens nach einem Jahr werden sie dann geschliffen und erhalten dadurch ihren feinen Glanz.

Die Feder des Schirmes wird aus einem Klavierseitendraht vom Pianobauer gebogen. „Die ist so besonders robust,“ so Kirchtag.

Werkstatt der Schirmmanufaktur

Etwa 1 1/2 Stunden werden zur Herstellung des Schirmgestells benötigt.

Aus den Stoffen vom mailänder Stofflieferanten, näht die Schneiderin Monika Weisshaupt die schützende Haube, die dann von Hand mit flinken Stichen am Gestänge fixiert wird. Zum Schluss folgt das Band und ein Perlmuttknopf aus einer Manufaktur im Waldviertel. Knopf und Band halten den Schirm zusammen.

Bespannen eines Schirms

Alles in allem stecken rund 5 Stunden Arbeitszeit in einem Schirm.

„240 bis 500 Euro kostet so ein Schirm“, verrät mir Kirchtag. „Wobei 500 Euro ganz am oberen Ende ist. Das sind dann schon Schirme mit Silbergriff.“  Nicht wirklich übertrieben viel, wenn man bedenkt wieviel Handarbeit in so einem Schirm steckt. Es sei denn, man verliert den Schirm. „Aber“, so versichert mir Andres Kirchag, „wenn sie den Schirm selbst bezahlen, dann verlieren sie ihn nicht!“

Schirm von Kirchtag Salzburg

Manche Kunden haben solche Freude an den Schirmen, dass sie jedes Jahr einen oder mehrere neue Schirme kaufen.

Ein Kunde kommt immer wieder in den Laden und sagt: „Herr Kirchtag, ich muss mir etwas Guts tun. Wir gehen jetzt in die Werkstatt.“

Dort sucht er sich dann die Schirmstöcke und den Stoff für mehrere Schirme aus. Danach zieht er in glücklicher Erwartung von dannen.

Die Kundschaft kommt aus der ganzen Welt. Red Bull und Porsche zählen zu den Auftraggebern. Die Schirme, die man im Rennsport in der Boxengasse sieht, die kommen aus seiner Werkstatt, berichetet Herr Kirchtag trotz seiner Bescheidenheit mit einem sympathisch stolzen Unterton. Einmal habe ihm ein Italiener 1’000 Euro für so einen Schirm geboten. „Aber so etwas mach ich nicht“, lacht Andreas Kirchtag kopfschüttelnd. Es ist ihm ein Anliegen, dass die Schirme im erschwinglichen Rahmen bleiben, versichert er.

Neben der Produktion neuer Schirme, werden auch heute noch rund 1’500 Schirme pro Jahr in seiner Werkstatt repariert.

Ich freue mich, über diesen Gegentrend zur Wegwerfgesellschaft und hoffe, dass sich dieses schöne Handwerk auch in Zukunft erhalten wird. Als Lehrberuf existiert der „Schirmmacher“ leider schon heute nicht mehr. Die Zukunft ist also ungewiss.

Wenn ich das nächste Mal bei Regen meinen Schirm aufspanne, werde ich mich in Gedanken in der reizenden Werkstatt von Andreas Kichtag sehen und werde mich ärgern, dass ich die Gelegenheit nicht beim Schopfe gepackt habe um mir einen der Schirme zu kaufen. Stattdessen werde ich mich etwas verschämt unter meinen Billigschirm aus Fernost verkriechen.

Herzlichen Dank an Andreas Kirchtag für den spannenden Einblick in die Schirmmanufaktur!

Adresse:
Schirmmanufaktur Kirchtag
Getreidegasse 22
Salzburg

Einen sehr schönen Überblick über weitere Handwerksbetriebe in Salzburg findet Ihr hier: Handwerk in Salzburg

Wer schreibt hier?

Die Autorin: Ellen Gromann-GoldbergEllen Gromann-Goldberg

Globetrotterin mit Anhang, immer mit der Kamera im Anschlag und dem Notizblock in der Hand. Mit und ohne meine Familie, zwei Teenager, ein Twen und ein Mann, bin ich auf der Suche nach den besonderen Orten, Erlebnissen und Geschichten rund um die Welt und in meiner Heimat am schönen Bodensee.
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Offenlegung:  Dank auch an Salzburg Info und Österreich Werbung für die Einladung zur Adventspressereise, in deren Rahmen diese Reportage entstehen konnte.


 

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