Unbekannter Kosovo – ein echter Geheimtipp!

Der Kosovo ist vom Tourismus noch weitgehend unentdeckt. Gastfreundliche Menschen, eine wunderschöne Natur, lauschige Städtchen und eine junge und bunte Gesellschaft kennzeichnen den jüngsten Staat in Europa.

Nein, eine Schönheit im klassischen Sinne ist Pristina nicht. Aber warte, wenn der Abend hereinbricht! Dann putzt sie sich heraus und besticht mit einer Vielzahl an schicken Clubs und Restaurants, die von der ebenfalls für den Abend hübsch gemachten Bevölkerung gut frequentiert werden.


Pristina steht für mich sinnbildlich für eine Gesellschaft im Aufbruch. Die Wirren und Grausamkeiten des Krieges sind weitgehend überwunden. Lange ist das noch nicht her. 1999. Auch ich verband bis jetzt mit dem Kosovo vor allem die Bilder des Krieges. Höchste Zeit, dieses Bild zu überarbeiten.

Die Nationalbibliothek von Pristina

Pristina eine offene Stadt zwischen Moderne und Traditionen

Denkmäler erinnern natürlich auch heute noch an an die Kriegshandlungen und Anfänge des noch jungen Staates. Newborn steht in übergrossen Lettern auf dem Platz vor dem Kultur-, Jugend- und Sportpalast. Am 7. Februar 2008, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, wurde dieses Denkmal enthüllt. Seither verschwindet es kurz vor jedem Jahrestag, um einige Tage später im neuen Gewand pünktlich zum Jubiläum wieder zu erscheinen. Mal zierten die Flaggen aller Staaten, die den Kosovo als Staat anerkannt haben die Buchstaben, ein anderes Jahr erschienen sie mit blauem Himmel und weissen Wölkchen, durchzogen von Stacheldraht. Dieses Jahr, zum zehnjährigen Jubiläum, erscheinen die Buchstaben in gold und silber. Die Buchstaben BO wurden passend durch eine 10 ersetzt.


Der Kosovo ist ein Staat, der in vielerlei Hinsicht überrascht. Ich kenne keinen anderen Staat in Europa, in dem Traditionen und das einfache Leben auf dem Land, sowie moderne Glaspaläste und Lebensweise einen solchen Spannungsbogen bilden. Eines ist sicher: Ich musste mein Bild vom Kosovo von Grund auf revidieren.

Eine offene Gesellschaft in der Religion eine untergeordnete Rolle spielt

Erwartet hatte ich eine muslime Gesellschaft. Mit allem, was ich von anderen muslimen Staaten kenne. Gefunden habe ich etwas ganz besonderes. 96% der Kosovaren gehören tatsächlich dem muslimischen Glauben an. Allerdings scheint hier eine sehr tolerante Glaubenslehre zu überwiegen. Mitten in Pristina wurde vor kurzem eine beeindruckende Kathedrale erbaut und auch auf dem Land entdeckt man Moscheen neben christlichen Klöstern und Kirchen.

Eines davon ist das Kloster Viskos Decani aus dem 14. Jahrhundert. Um es besichtigen zu können, muss ich bei den „Blauhelmen“ am Eingang meinen Pass abgeben. Das Kloster befindet sich nämlich auf serbischem Grund, inmitten des Kosovo.

Etwas verwirrend ist das schon. Es gibt serbische Dörfer, katholische Dörfer, orthodoxe Dörfer, Orte an denen teilweise türkisch gesprochen wird. Immerhin das Handynetz kennt sich aus und schickt mir, unmittelbar nachdem ich den Eingang zum Kloster passiert habe, eine Roaming-Nachricht als Beweis dafür, dass ich mich auf serbischem Boden befinde. Die serbisch-orthodoxe Klosterkirche Christi Himmelfahrt präsentiert sich von Aussen schlicht. Das Innere, das man leider nicht fotografieren darf, ist eine unerwartete Entdeckung. Ich habe noch nie so eine reich bemalte Klosterkirche gesehen. Die Wände und Decken sind über und über mit farbenfrohen und mit Gold verzierten Fresken bemalt. Ein unglaubliche faszinierender Anblick.

Römische Ausgrabungen und Gräben die geschlossen werden

„Es heisst wir seien eine muslime Gesellschaft, aber eigentlich stimmt das nicht. Wir Kosovaren lieben Raki“, bringt es der sympathische Archäologe Milot Berisha auf den Punkt. Die Lacher hat er damit auf seiner Seite. Braungebrannt, mit moderner RayBan-Brille und spürbarer Leidenschaft für seine Arbeit führt der Archäologe interessierte Besucher durch Ulpiana, Ausgrabungsstätte einer römischen Stadt, etwa 12 km südöstlich von Pristina. Beeindruckende Funde geben einen Einblick in das Leben der Römer, die hier aufgrund der begünstigten Lage und wegen des Vorkommens von Edelmetallen eine blühende Zeit erlebten.

Foto (c) Christoph Liebentritt

Mit viel Leidenschaft versucht Berisha dieses geschichtliche Erbe zu bewahren. „Nur ein kleiner Teil der Stadt Ulpiana ist ausgegraben und erforscht. Ich wünsche mir, dass wir den Rest nicht auch noch ausgraben. Denn dadurch zerstören wir auch vieles“, so Berisha. Eine weise Entscheidung, wie ich finde und irgendwie symptomatisch für die kosovarische Gesellschaft. Die jungen Kosovaren scheinen die feindschaftlichen Gefühle für die Serben überwunden zu haben. „Wir schauen nach vorne und versuchen unsere Gesellschaft zu formen. Es bringt nichts in Feindschaft zurück zu schauen“, bestätigt mir Besart Dreshaj, einer meiner Guides durch den Kosovo. Bleibt zu hoffen, dass dieser Gedanke weitergetragen wird.

„Wir sehen uns in erster Linie als Europäer“, so Besart.
Nach vorne schauen und alte Gräben nicht aufbrechen, sondern ruhen lassen und eine moderne, offene Gesellschaft formen, scheint das Credo der Kosovaren.

Für die Gäste nur das Beste

Der Kosovo öffnet sich somit auch mehr und mehr dem Tourismus. Noch gilt das kleine Land, das kaum grösser ist, als ein Viertel der Schweiz, als Geheimtipp.

Die Menschen sind gastfreundlich. Diese Gastfreundschaft ist hier tief in der Gesellschaft verwurzelt und sogar im Kanun geregelt. Der Kanun ist das überliefertes Recht, das vermutlich sogar auf vorrömische Zeiten zurückgeht. In ihm wird das Zusammenleben in vielen Lebensbereichen geregelt. So zum Beispiel eben das Gastrecht. Aber auch die Blutrache die Rache im Falle eines Mordes ist im Kanun regelt. Vereinzelt wird dieses Recht tatsächlich bis in die Neuzeit befolgt. Die Blutrache nimmt allerdings nur einen sehr kleinen Teil dieser Regeln ein.

Die Gastfreundschaft ist ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Wenn Gäste kommen werden diese bewirtet und die Tische biegen sich vor Köstlichkeiten.

Die kosovarische Küche ist deftig und lecker, mit einschlägen aus der türkischen Küche. Besonders Paprika in allen Formen und Farben gehören unabdingbar dazu. Ob gebraten zum Frühstück oder in Form von leckerer Paprikapaste Ajvar als Vorspeise zu köstlichem Brot.

Auch Fisch wird im Kosovo gerne gegessen. In der Gegend um Radavc, westlich von Pristina kann man köstliche Forellen geniessen.

Tosende Wasserfälle und beeindruckende Tropfsteinhöhlen von Radavc

In dieser Gegend locken vor allem die beeindruckenden Wasserfälle des Flusses Drin zahlreiche Kosovaren am Wochenende ins Grüne. Oberhalb der Wasserfälle befindet sich eine kleine Tropfsteinhöhle, die besichtigt werden kann.


Was besonders auffällt, sind die zahlreichen Jugendlichen, die ausgelassen die Wasserfälle besichtigen und dabei Selfies in allen Positionen schiessen, genauso wie eben fast überall auf der Welt. Überhaupt ist die Kosovarische Gesellschaft auffällig jung. Das macht das Bild bunt und fröhlich.

Die Handwerkerstadt Gjakova

So auch in der Stadt Gjakova. Sie ist ebenfalls im Südwesten des Landes gelegen. Zahlreiche, gegen Mittag gut besuchte Strassencafes flankieren den Bazar und die Stimmung ist ausgelassen. Hier geniesst man einen Kaffee in Gesellschaft. Der kosovorische Kaffee, bevorzugt ein Macchiato steht dem italienischen übrigens in keinster Weise nach. Er ist köstlich!

Anschliessend an die Restaurants, Bars und Cafés, reihen sich kleine Handwerkerläden, in denen Besuchern bereitwillig traditionelle Handwerkskunst gezeigt wird. Früher war Gjakova dank der vielen Handwerker eine sehr wohlhabende Stadt. Die Handwerkerstrasse wurde im Krieg vollständig zerstört und danach neu aufgebaut. Heute erinnert hier nichts mehr an diese düsteren Zeiten. Das Leben in Gjakova scheint leicht und beschwingt.

Die 11 Bögen der Schneiderbrücke

Von Gjakova führt meine überraschende Entdeckungsreise weiter in Richtung Prizren. Unterwegs lege ich einen kleinen Stopp ein bei der Schneiderbücke, die sich in 11 Bögen über den Fluss Erenik spannt. Die wohlhabenden Schneider der Stadt Gjakova haben dieses beeindruckende Bauwerk in Auftrag gegeben.

Ein Stückchen Swissness und Germanness als Qualitätsmerkmal

Was mir unterwegs immer wieder auffällt, sind die vielen, meist neuen Häuser mit verschlossenen Fensterläden. In manchem Orten ist mehr als jedes zweite Haus unbewohnt. Das ändert sich während der Ferienzeiten in der Schweiz, Deutschland und Österreich schlagartig. Dann kehren die Auslandskosovaren, von den Zuhausegebliebenen etwas neckend „die Schatzis“ genannt, zurück in ihre Heimat. Überhaupt liest man unterwegs viele Firmennamen mit den Zusatz Schweiz, Swiss, Deutsch und German, wie German Farben und Deutsch Colours und sogar Migros Möbel kann ich entdecken. Offensichtlich ist dies ein lokal kreiertes Prädikatsmerkmal.

Melting Pot Prisren

Südöstlich von Gjakova liegt Prizren am Fluss War Palnina. Über der Stadt thront ein markantes Fort.


Prizren war eine der wichtigsten Hauptstädte des osmanischen Reiches und ist heute die zweitgrösste Stadt des Kosovo. Prizren ist ein beliebtes Ausflugsziel der Kosovaren. Ausserdem leben hier viele unterschiedliche Nationalitäten friedlich zusammen. Vor allem Albaner, Türken, Bosniaken, Roma und Serben.

Die Stadt, deren historische Gebäude weitgehend erhalten sind, schmiegt sich hübsch an den Fluss und den Hang. Die Restaurants am Ufer der Flusses sind gut besucht und vor allem wegen der lokalen Spezialität Cevaphici beliebt.

Abgesehen vom Fort, das ich leider wegen eines Frühlingsgewitters nicht besuchen konnte, lohnt sich ein Blick in die Sinan Pasha Moschee. Beim Schlendern durch die Gassen entdeckt der aufmerksame Besucher mit etwas Glück ein mittelalterliches Minarett. Wer an diesem Minarett hoch schaut, der wird oben einen Davidstern erkennen. Ein Geschenk der Juden an die Muslime.
Dieses Geschenk steht mir sinnbildlich für diese Region. Eine Mischung der Religionen und Kulturen, die den Besucher zuweilen verwirrt, aber auch beeindruckt.

Klein aber oho und ein echter Geheimtipp

Der Kosovo ist das kleinste Land Südosteuropas und es nimmt nur gut einen Viertel der Grösse der Schweiz ein. Das Strassennetz ist gut ausgebaut und es ist somit einfach zu bereisen.
Das junge Land ist ein Schmelztiegel der Kulturen, der Religionen aber auch von Moderne und Tradition. Eine spannende Entdeckung abseits ausgetretener Touristenpfade, zwischen hohen Schneebergen, weiten Ebenen und sanften Hügeln.

Für uns Mitteleuropäer ist die Geschichte und die Entwicklung des Kosovo nicht ganz einfach zu erfassen. Ich zumindest war sehr froh einen Guide an meiner Seite zu haben, um ein wenig hinter die Fassaden blicken zu können und meine falschen Vorstellungen vom Kosovo ein wenig grade zu rücken.

Es lohnt sich die üblichen Touristenpfade zu verlassen und dabei so manches vorgefertigte Bild grade zu rücken. Belohnt wird man dabei häufig mit überraschenden und bereichernden Eindrücken!
In diesem Sinne, wagt es ruhig mal die gewohnten Pfade zu verlassen.

Mit sonnigen Grüssen,

Weitere Informationen zum Kosovo

UnterkommenHinkommenAusgehtipps für PristinaAllgemeine Info

Das 5* Hotel Emerald befindet sich etwas ausserhalb Pristinas. Die Fahrt mit dem Taxi in die Stadt kostet ca. 7 Euro

Mit Air Prishtina ab Zürich

  • Essen in der Soma Book Station. Eine Oase in der Stadt mit internationaler Küche.
  • Jazz Club Hamam Bar
  • Etwas ausserhalb:
    Ethno House in Gracanica: traditionelle kosovarische Küche

Das Preisniveau ist für unsere Verhältnisse sehr niedrig. Ein gutes Essen ist bereits für 4 Euro zu haben.
Air Prishtina wird ab Spätsommer/Herbst 2018 geführte Reisen durch den Kosovo anbieten. Ich war sozusagen bei der Vorpremiere dabei und kann diese Art den Kosovo zu entdecken sehr empfehlen.

Leseempfehlungen:

Sarah von Rapunzel will raus war mit mir gemeinsam auf dieser Reise und berichtet über Ihre Eindrücke vom jüngsten Land Europas

Julia von meinweltbuch schreibt über ihre Reise in den Kosovo.

Steffi und Lui von comewithus2 sind mit dem Camper durch den Kosovo gefahren und berichten hier über Ihre Erfahrungen.


Offenlegung: Ich wurde von Air Prishtina zu dieser Recherchereise eingeladen


 

5 Comments

  • Liebe Ellen,
    das klingt genauso spannend, wie die Bilder aussehen. Vom Kosovo als Reiseziel hatte ich bisher wirklich nicht die geringste Idee. Aber er scheint ja allemal eine Reise wert zu sein. Vor allem Prizren wirkt wie eine sehr nette Stadt.
    Liebe Grüße
    Angela

    • Liebe Angela
      Das ist es, was mich am Reisen immer wieder fasziniert. Es gibt noch Reiseziele, die weitgehend unentdeckt sind!
      Liebe Grüsse
      Ellen

  • Hallo,

    War auch vor Kurzemmit dem Bruder auf Städtereise in Pristina und Prizren. Pristina ist etwas vermüllt und hat einige wilde Hunde, aber präsentiert einige Sehenswürdigkeiten. Prizren dagegen wirkt sauberer mit einem albanischen Baustil. Super sind die freundlichen Menschen (mit englisch kommt man meist zum Ziel) und die Restaurantpreise (1,50 Eur für eine grosse Pizza, 12 Eur für ein Abendessen mit Getränken für 2 Personen!). Wir haben uns nie bedroht oder unsicher gefühlt. Es kommt etwas Aventeuerlust dazu weil eben so gut wie keine anderen Touristen unterwegs sind. Als Urlaubsziel also durchaus zu empfehlen.

    Jürgen Dörrich

    • Hallo Jürgen
      Hab vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ja, der Kosovo ist wirklich noch ein Ziel abseits der Touristenströme und etwas Abenteuerlust muss man da schon im Gepäck haben.
      Herzliche Grüsse
      Ellen

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