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Unterwegs aufgeschnappt – Mattenenglisch: die Geheimsprache von Bern

Blick ins Mattenquartier
Mattenenglisch ist eine Geheimsprache, die im Mattequartier von Bern gesprochen wurde. Sie ist nicht zu verwechseln mit Mattenberndeutsch bzw. dem Mattendialekt.
Inhalt

Eines vorweg: Auch wenn mir Schweizerdeutsch genauso gut von der Lippe geht, wie Hochdeutsch, stellt das Verständnis von Berndeutsch hin und wieder auch für mich eine Herausforderung dar. Manche Wörter unterscheiden sich schon sehr von den gängigen schweizerdeutschen Dialekten. Kein Wunder also, dass es ein Berndeutsches Wörterbuch (sogar online!) gibt. So heisst ein Schrank, den der Rest der Deutschschweiz als «Schrank» oder «Chaschte» kennt, auf Berndeutsch «Schaft». Ohne die Kenntnis dieser Wörter kann ein Gespräch schon mal recht herausfordernd sein.

Viele der typischen berndeutschen Wörter haben ihren Ursprung im Matten-Berndeutsch. Das Mattequartier ist ein Quartier, das direkt an der Aare liegt, zu Füssen der Altstadt, in der im Mittelalter hauptsächlich die gehobene Gesellschaft beheimatet war. Hier oben war es zu damaligen Zeiten besonders vornehm, die Sprache mit französischen Ausdrücken zu zieren. Überbleibsel davon finden sich auch heute noch im Berndeutsch. Während wir Restschweizer ein Waschläppchen als Wöschlumpe oder Wöschlümpli bezeichnen, klingt das für ein Berner Ohr recht ordinär. In Bern benutzt man für die tägliche Körperpflege ein gepflegtes Lavetteli. Das klingt tatsächlich viel mondäner.

Mattenberndeutsch und Mattenenglisch

Nun aber zurück zum Matten Berndeutsch. Das Matten Berndeutsch ist ein Soziolekt, der im Mattequartier gesprochen wurde. Hier in der Matte befand sich die Anlagestelle für Schiffer und Flösser. Einwanderer aus vielen Teilen Europas siedelten sich in der Matte an. Sie arbeiteten als Gerber, Metzger, Flösser und Fischer. Hier war der Ort, an dem sich das Gewerbe und Kleinindustrie ansiedelte – mit ihm auch zahlreiche Bordelle. Der Ruf eilte dem Quartier voraus. Sogar Giacomo Casanova berichtete in seinen Memoiren von einer grossen Auswahl an Damen. Es muss ein wildes, rauhes Leben dort unten an der Aare gewesen sein. Sicherlich alles andere, als die beste Wohngegend. Es verwundert nicht weiter, dass die Matte auch als das «schwarze Quartier» bezeichnet wurde.

Heutzutage ist die Matte ein liebenswertes Quartier

Analog zur Zuwanderung im Quartier entwickelte sich der Soziolekt des Matten-Berndeutsch, oder auch Matte-Dialekt. Einer der bekanntesten Sätze ist folgender: «Tunz mer e Ligu Lehm». Einfach zu übersetzen mit: «Gib mir ein Stück Brot». Tunz kommt vermutlich vom französisch donnerligu vermutlich vom griechischen oligo (ein wenig) und Lehm geht vermutlich auf das hebräische lechem ‚Brot‘ zurück. Es war also eine Art Mischmasch an Sprachen, der sich zu einer Sprache vereinte. Aber das genügte den Einwohnern des Mattequartiers damals nicht, um sich abzugrenzen. Um von der Oberschicht in der Oberstadt nicht verstanden zu werden, entwickelte man eine Geheimsprache. Diese damals hauptsächlich von Männern gesprochenen Geheimsprache folgte strengen Regeln:

  • Die erste Silbe einschliesslich des ersten Vokals des Wortes wurde ans Wortende verschoben.
  • Falls die erste Silbe mit einem Vokal anfing, wurde ein h eingeschoben und dann wurde die Silbe ans Wortende gestellt.
  • Jedes Wort begann mit einem i.
  • Der letzte Buchstabe wurde, sofern es ein Vokal war, durch ein e ersetzt.

Der Satz «Tunz mer e Ligu Lehm» klang im alten Mattenenglisch logischerweise wie folgt: «Iusihe, imerge ise Ickste Itbre». Noch Fragen? Und ich dachte, das normale Berndeutsch sei schon schwierig zu verstehen!

In Bern gibt es auch heute noch einen Mattenänglisch Club, in dem das Mattenenglisch weiter gepflegt wird. Als Umgangssprache wird es heute allerdings nicht mehr benutzt.

Ich liebe solche sprachlichen Eskapaden und finde sie super spannend. Witzig, dass sich viele Berner heute nicht mehr bewusst sind, dass es einen Unterschied zwischen Matten-Berndeutsch und Mattenenglisch gibt. Dabei ist es doch ein recht grosser Unterschied.

Ein Lift führt in modernen Zeiten ins Mattequartier

Etwas Ähnliches, wenn auch wesentlich einfacher, findet man im Londoner Cockney. Hier werden ganze Wörter durch andere Wörter ersetzt, die sich auf das Ursprungswort reimen. So zum Beispiel wird das Wort stairs (Treppen) durch apples and pears (Äpfel und Birnen) ersetzt.

Kennt Ihr noch andere Geheim- oder Spielsprachen?

3 Antworten

  1. Interessant! Bei uns in Minden (Westfalen) gab es im 19. Jahrhundert einen ähnlichen Soziolekt: die Buttjersprache. Sie wurde nur in einem Teil der oberen Altstadt genutzt und war eine wilde Mischung aus Platt, der Gaunersprache Rotwelsch, dem Jenischen, Jiddischen und vor allem der Sprache der Sinti.

  2. Liebe Ellen, Da habe ich als Bärner Meitschi doch auch noch wirklich viel dazu gelernt. Und besonders freut es mich, dass das Lavettli es in den Blogbeitrag geschafft hat ;-)))

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