Eine Gletschertour auf dem Aletschgletscher – ein Traum wird wahr

Lange war es ein grosser Traum von mir, einmal eine Gletschertour zu unternehmen. Manchmal werden Träume wahr - und so habe ich mich auf den Weg zum Aletschgletscher gemacht.

Reisen ist ein wenig als würde man sich immer wieder aufs Neue verlieben. Ich liebe dieses Gefühl und vermutlich ist es das, was mich immer wieder raus zieht, neuen Landschaften zu entdecken oder, wenn die Verliebtheit gross genug war, Entdeckungen zu vertiefen.

Liebe auf den ersten Blick war meine Begegnung mit dem Alteschgletscher. Wie er so majestätisch daliegt, umgeben von Viertausendern, hat er mein Herz im Sturm erobert. Meine Wanderung entlang seiner Flanke zählt zu einem der schönsten und eindrucksvollsten Erlebnissen der letzten Jahre.

Dabei kamen Erinnerungen hoch. Ich sah mich als kleines Mädchen vor dem Fernseher fasziniert einer Gruppe Bergwanderer bei einer Gletschertour zuschauen. Aus der Faszination wurde ein Wunschtraum, der ich über die Jahre langsam verblasste und schliesslich irgendwie in Vergessenheit geriet. Aber mit meiner ersten realen Begegnung mit dem Aletschgletscher, erwachte dieser Traum sofort wieder und wurde brennender denn je. Einmal auf dem Gletscher stehen, ihn spüren, Teil von ihm sein. Das muss ein Traum sein!

Mit Träumen ist es wie mit der Liebe. Manchmal, wenn man Glück hat, dann klappt es – und so werden manche Träume wahr.

Aletschgletscher Muster
Einmal auf einer Gletschertour in die fantastische Gletscherwelt einzutauchen – das muss ein Traum sein…

Bei über 35 Grad mit Mütze und Handschuhen im Gepäck

Es ist Ende Juli und im Unterland ist es heiss. Es sind über 35 Grad als ich meinen Koffer packe. Handschuhe und Mütze stehen auf der Packliste. Im Ernst? Ich ringe mich tatsächlich durch sie einzupacken. Sie nehmen ja nicht viel Platz weg. Nicht schlimm, wenn wir die Sachen umsonst dabei haben.

Dann mache ich mich zusammen mit meinem Mann mit dem Zug auf den Weg einmal quer durch die Schweiz auf die Bettmelralp mitten in der Region Aletscharena im Kanton Wallis. Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind die vermutlich entspannteste Art durch die Schweiz zu reisen. Ich stelle immer wieder fest, dass ein Auto in der Schweiz fast überflüssig ist. Zugreisen sind so bequem und umweltfreundlich noch dazu.

Bettmeralp – die Ruhe der Berge

Bettmeralp Aussicht
Hoch oben, auf der Bettmeralp herrscht eine traumhafte Ruhe.

Die Bettmeralp auf 1’970 Meter über Meer ist ohnehin autofrei. Auf der Fahrt mit der Seilbahn ins Dorf, öffnet sich der Blick über das grüne Rhonetal mit seinen urigen Walserhäusern. Oben angekommen geniessen wir die unvergleichlichen Weitblick und eine längst verloren geglaubte Ruhe. Ein paar Vögel zwitschern, eine Hummel summt durch die bunten Lupinen und in den Tannenwipfeln säuselt der Wind, in der Ferne Kinderlachen. Sonst nichts.

Blick über die Bettmeralp bei Sonnenaufgang
Sonnenaufgang über der Bettmeralp

Wir checken im Hotel Waldhaus ein. Im Mondholzzimmer duftet es nach frischem Holz. Auch in Düfte kann man sich verlieben. Es heisst man würde im Mondholzimmer besonders erholsam schlafen. Ich bin skeptisch. Aber tatsächlich erwache ich am nächsten Morgen frisch und ausgeruht. Das kenne ich von einer ersten Nacht im Hotel und einer ersten Nacht in den Bergen sonst gar nicht.

Mondholzzimmer
Das Mondholzzimmer im Hotel Waldhaus. Schade, dass ich Euch den Duft nicht schicken kann!

Früh, noch vor dem Frühstück, machen wir uns per Standseilbahn und Zug auf den Weg ins benachbarte Fiesch. Handschuhe und Mütze sind brav im Wanderrucksack eingepackt. Im Bergsteigerzentrum Fiesch treffen wir Marcel, unseren Bergführer. Die Wettervorhersage für den Nachmittag ist etwas unsicher und wir wollen keine Zeit verlieren. Also machen wir uns schnell auf den Weg noch oben mit der nächsten Seilbahn auf das 2’926 Meter hohe Eggishorn. Von dort aus wollen wir unsere Gletschertour starten.

Rundweg Eggishorn
Der Blick vom Eggishorn über den neuen Rundweg

Vom Gletscher und dem Gletscherungeheuer Rollibock

Von dem nur knapp unter dem Gipfel des Eggishorn gelegenen ViewPoint auf  2’869 Meter über Meer, bietet sich auch unerfahrenen Berggängern ein fast unglaubliches Panorama mit einem traumhaften Ausblick über den Alteschgletscher. Die grösste Eismasse Europas liegt uns zu Füssen. 23 km ist der Gletscher lang – oder auch weniger – Tendenz sinkend.

Rund 7 Meter an Höhe nimmt der Gletscher derzeit pro Jahr ab. Dass das nicht immer so war, erfahre ich von Marcel während wir talwärts in Richtung Gletscherstube beim Märjelensee wandern. 1850 war die letzte kleine Eiszeit. Damals wuchs der Gletscher und erreichte ein für die Bevölkerung im Tal bedrohliches Ausmass. Der Märjelensee war damals ein grosser See aus Gletscherwasser, der ein weites Gebiet bedeckte. Wenn grosse Eisbrocken vom Gletscher abbrachen, kam es immer wieder Mal vor, dass die Wassermassen des Gletschersees überschwappten und das Fieschertal ohne Vorwarnung überfluteteten. Der Rollibock wars! Ein Ungetier mit zottigen Haaren voller Eis und Geröll, das im Gletscher sein Unwesen treibt, glaubte man damals im Tal.

Tipp
Viele, spannend aufbereitete Infos rund um den Gletscher bekommt man in der Ausstellung Gletscherwelt auf dem Bettmerhorn.

Beten für den Gletscher

Der örtliche Pfarrer wusste rat: „Geht und betet, dass der Rollibock verschwindet und der Gletscher zurück geht, veranstaltet eine Prozession“, empfahl er der verzweifelten Bevölkerung. So geschehen kennen wir heute leider das Resultat. Wäre doch nur das Beten alleine Schuld …

Vielleicht hilft das Beten auch heute noch, dachte sich vermutlich der Bergführer und Regionalpoltitiker Herbert Volken, als er um Audienz beim Papst bat. Man müsste einfach den Inhalt der Gebete ändern und dieses Mal darum Bitten, dass der Gletscher wieder wachsen möge. Tatsächlich empfing Papst Benedikt den findigen Walliser und gestattet ihm, die Gebete und den Zweck der Prozession umzukehren. Seit Juli 2012 wird nun also dafür gebetet, dass der Gletscher nicht weiter schrumpfen möge. Bisher leider ohne Erfolg. Beten allein hilft also leider nicht mehr …

Eggishorn-Gletscherstube
Vom Eggishorn geht es ca. 1 Stunde bergab zur Gletscherstube

Statt des Rollibocks kreuzt eine Herde Ziegen unseren Weg hinab zum Gletscher. Sie sind ihrem Hirten abgehauen. Von unten am Berg ruft der Ziegenhirt lockend zur Schar hinauf, aber die Gesellschaft zeigt sich davon wenig beeindruckt. Sie geniessen ein paar Streicheleinheiten und lassen sich auch von unseren lockenden Worten nicht wieder abwärts bewegen.

Ziegen Eggishorn
Trotz gutem Zureden liessen sich die Ziegen nicht überzeugen mit uns zu kommen

Also ziehen wir weiter und lassen die Ziegen hinter uns am Berg. „Die Spüren, dass Regen kommt, das mögen sie gar nicht. Da verziehen sie sich nach oben unter das schützende Dach der Liftstation“, erklärt uns der Geissenhirt als er unseren Weg kreuzt.

Nur wenig später hat er sie wieder um sich, seine Herde: Die flinken Tiere holen uns schnell ein. Auch wir müssen uns sputen. Regen während einer Gletschertour wäre nicht gut. Dann wird der ohnehin schon rutschige Untergrund zu einem spiegelglatten Eisfeld.

Ziegen Aletscharena
Die flinken Tiere überholen uns aber bald

Also legen wir einen Zahn zu und schauen, dass wir zügig über die Bergwiesen zu den vom Gletscher glattgeschliffenen Felsen kommen.

Märjelensee
Die letzten Bergrosen blühen noch beim Märjelensee

Dann liegt er vor uns. Kalt und mysteriös und faszinierend. Ein paar Meter vor dem Eis hält Marcel an: „Hier sind wir 2017 auf den Gletscher gestiegen …“. Ein paar Meter weiter unterhalb der Stelle hält er wieder an: „… und hier haben wir im letzten Jahr (2018) unsere Gletschertouren gestartet“. Ein dicker Kloss sitzt mir im Hals.

Nun kommen also Handschuhe und Mütze zum Einsatz. An die Füsse schnallen wir Steigeisen (Grödel) und wir sichern uns mit Seilen. Beides hat Marcel, unser Bergührer, mitgebracht. Gut gesichert kann die Gletschertour beginnen.

Aletschgletscher Gletschertour
Die Gletschertour kann beginnen
WARNUNG
Der Gletscher ist gefährlich und kein Ort, an den man sich ungesichert und ohne ortskundigen Bergführer begeben sollte!

Das erste Mal – die Begegnung mit dem eisigen Fluss

Gletscherwellen
Der Gletscher wirft hohe Wellen und es geht mitunter steil bergauf
Gletschertour Aletschgletscher
Winzig klein wirken wir Menschen auf dem gigantischen Eisstrom

Gut gesichert setzten wir ehrfürchtig den ersten Schritt aufs Jahrhunderte alte Eis. 30 bis 50 cm fliesst der Gletscher pro Tag. Der Aletschgletscher wird von unterschiedlichen Eisströmen genährt, die am Konkordiaplatz aus unterschiedlichen Richtungen zusammenfliessen. Die verschiedenen Ströme ziehen an ihren Rändern Erde, Steine und Geröll mit, welche die markenten dunklen Linien auf dem Eis, die sog. Mittelmoränen bilden. So unterscheidet man die verschiedenen, gut sichtbaren Ströme, den grossen Aletschfirn, den Jungfraufirn und das Ewigschneefeld. Hier ist der Gletscher bis zu 900 Meter dick.

Weiter unten, dort wo der Gletscher gegen die Bergrücken des Eggishorn und des Strahlhorn drücken und deshalb die Fliessrichtung ändern müssen, werfen die Eismassen hohe Wellen auf und bilden tiefe Risse.

Gletscherströme
Hier fliessen zwei Gletscherströme nebeneinaner. An ihren Rändern führen sie Geröll und Erde mit sich
Gletschertisch
Durch das Abschmelzen des Eises unter einer Felsplatte hat sich ein sog. Gletschertisch gebildet

Die Kräfte die wirken, malen Muster in das Eis und geben in Spalten das Blau des Gletscherinnern preis.

Gletscherspalten
Das Blau der Gletscherspalten ist umwerfend klar.

Kleine Tümpel bilden sich und tosende Wasserfälle stürzen sich in Gletschermühlen in die tiefen des Eises. Gletscherflöhe versammeln sich in den Pfützen. Sie sind die einzigen Tiere, die in dieser fantastischen Welt ganzjährig überleben können.

Gletschermuehle
Wasser stürzt in Gletschermühlen in die Tiefe
Gletscherflöhe
Gletscherflöhe sind die einzigen Tiere, die auf dem Gletscher ganzjährig überleben können

Der Gletscher umgibt uns. Um uns herum ist nichts ausser Eis und Geröll. Zeit und Raum scheinen irgendwie vergessen. Ich empfinde Demut und Dankbarkeit. Wie klein und unbedeutend wir Menschen doch sind, wenn wir diesem Naturwunder gegenübertreten. Marcel reisst mich aus meinen Gedanken. Er ermahnt uns schneller zu gehen. Das Wetter schlägt um.

Gletschersplaten Aletschgletscher
Die Gletscherspalten sind riesig und tief!

Der Himmel zieht zu. Wir müssen vor dem Regen wieder auf festem Boden sein. Also erhöhen wir den Takt unserer Schritte und lösen uns schliesslich etwas wehmütig von diesem fantastischen Ort.

Gletschertour Aletschgletscher
Ein unwirklich schöner Ort

Die Eishöhlen – im Inneren des Gletschers

Eine kleine, überwältigende Zugabe hat Marcel aber noch für uns. „Normalerweise führe ich keine Touren hierher. Dieser Ort ist gefährlich. Es können sich Steine von der Gletscherdecke lösen oder auch ganze Eisplatten. Der Boden auf den Steinen ist rutschig“, erklärt uns Marcel, „also bleibt genau hinter mir“. Wir stehen und staunen. Wir sind im Inneren des Gletscher. Hier offenbart er seine ganze Pracht. Ich habe einen Schatz gefunden!

Eishöhle Alteschgletscher
Staunend in der Eishöhle
Eishöhle Altescharena
Mr. und Mrs. Patotra – eingehüllt in eisiges Blau

Dies ist eines dieser „once in a Lifetime“ Erlebnisse! Wie die Liebe auf den ersten Blick. Ja, man kann sich in eine Landschaft verlieben! Sehr sogar!

Das Erlebnis einer geführten Gletschertour kann ich Euch allerwärmsten (was für ein Wort, in diesem Zusammenhang!) empfehlen! Ich bin mir sicher, dass auch ihr begeistert sein werdet – und vielleicht verliebt ihr Euch ja auch…

In diesem Sinne schicke ich Euch sonnige Grüsse,
Eure Patotra

Gletscherliebe
Gletscherliebe

Weiter Infos zur Gletschertour am Aletschgletscher

Wir waren insgesamt ca. 7 Stunden, mit Pausen, unterwegs. Etwas Kondition, Trittsicherheit und Freude am Wandern muss man für eine Gletschertour schon mitbringen. Laut Bergführer sind die einfachen Gletschertouren auch für Familien mit Kindern ab 8 Jahren geeignet.

Zusätzlich zu den Tagestouren werden auch zwei-Tages-Touren angeboten mit Übernachtung auf der Konkordiahütte.

Mehr Details dazu: Geführte Gletschertouren

Gletschertour Aletschgletscher
Was für ein grandioses Erlebnis, so eine Gletschertour!

Gut geschlafen

Sogar ausgezeichnet geschlafen haben wir im Mondholzzimmer des Hotel Waldhaus auf der Bettmeralp.

Gut gegessen

  • Gut gegessen haben wir auch im Hotel Waldhaus auf der Bettmeralp. Die Küche ist frisch und schmackhaft.
    Top: Es werden hauptsächlich Bio-Produkte verwendet!
  • Ebenfalls gut gegessen haben wir im Restaurant Walliser Stube auf der Bettmeralp.
    Hier gibt es typische Walliser Küche, wie Cholera.Cholera ist ein mit Kartoffeln, Äpfeln, Birnen und Käse gefüllter Blätterteigkuchen. Klingt ungewöhnlich, schmeckt aber ganz gut. Entstanden ist es, wie der Name schon sagt, zu Zeiten der Cholera. Damals durfte man wegen Ansteckungsgefahr das Haus nicht verlassen. So wurde aus allem was noch im Vorrat war ein nährender Kuchen gebacken: Cholera!
Wer schreibt hier?
Ellen Gromann-Goldberg
Globetrotterin mit Anhang, immer mit der Kamera im Anschlag und dem Notizblock in der Hand. Mit und ohne Familie bin ich auf der Suche nach den besonderen Orten, Erlebnissen und Geschichten rund um die Welt und in meiner Heimat am schönen Bodensee.

Neue Beiträge abonnieren


Offenlegung: Dieses unvergessliche Erlebnis wurde von Aletscharena unterstützt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .