Kurzgeschichte Toskana – Irgendwann

Die heutige Kurzgeschichte führt nach Italien. In die Toskana, um genau zu sein. Sanfte Hügel, Zypressen und Pinien

Er drückte den Knopf, um die Autoscheibe runter zu lassen. Surrend verschwand das Glas in der Türe. Der warme harzige Duft der Pinien strömte ins Auto, begleitet vom lauten Zirpen der Grillen. Ganz tief atmete er den Duft ein, so als wollte er, dass er jede einzelne Faser seines Körpers erreicht.

Lange, entbehrungsreiche Monate lagen hinter ihm. Ganz früh am Morgen hatte er sich ins Auto gesetzt und die Alpen überquert. Die Zollkontrollen verliefen erstaunlich unkompliziert. Das hatte er sich wesentlich schlimmer vorgestellt, nach all den Wirren der vergangenen Monte. Dann war er schon in Italien. Endlich.

Jetzt, nur wenige Stunden später, tauchte er ein in das, was er so lange vermisst hatte. Die Pinien breiteten ihre Schatten spendenden Nadelschirme hoch über der Strasse aus. Er war fast angekommen. Eigentlich hätte er hier gar nicht lang fahren müssen. Er wollte ins Hinterland. Aber dieser Duft hatte es ihm schon als kleines Kind angetan. In ihm lag die betörende Magie der Toskana. Als wäre das Glück in jedem einzelnen Duftmolekül zu Hause.

Er atmetet auf, verliess die Allee mit einem zufriedenen Lächeln in Richtung Hinterland. Langsam wurde die Landschaft lieblicher, und die Strassen kurvenreicher. Die sanften Hügel der Toskana begrüssten ihn. Hügel hinter Hügel, hinter Hügel. „Wie der Spiegel im Spiegel“ dachte er.

Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen und schickte ihr warmes, weiches Licht über die Stoppelfelder.

Er verliess die Strasse auf einen schmalen, zypressengesäumten Feldweg.

Da lief ihm auch schon Da Vinci bellend und schwanzwedelnd auf dem Schotterweg entgegen. Er war also noch da, der freundliche Retriever. Gleich hinter ihm erschien Maria. Er parkte sein Auto vor dem Haus. Seit mehr als 300 Jahren stand es hier ganz alleine auf einem Hügel in den Pisaner Bergen. Es hat schon viele Menschen kommen und gehen gesehen, unzählige Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge und manchen Gewittersturm überstanden. Er streichelte Da Vinci zur Begrüssung.

Maria trug wie immer ein geblümtes Schürzenkleid. Sie wischte sich ihre nassen Hände daran ab, bevor sie ihn umarmte und ihn an sich drückte. Sie duftete, wie immer, nach frischen Kräutern. Bestimmt hatte sie wieder ihr Ragù gekocht. Er hat zu Hause oft versucht, ihr Rezept nach zu kochen. Es war ihm aber nie gelungen, die Aromen so perfekt einzufangen wie Maria es konnte.

Er war sich schon lange sicher, dass sie bei der Zubereitung eine geheime Zutat verwendete die aus einem einfachen Ragù eine Liebeserklärung an die Gäste machte. Ihm hatte sie bestimmt nur das „einfache“ Rezept gegeben.

Er setzte sich an den Tisch vor dem Haus. Ankommen. Endlich. Nach so langer Zeit. Ganz tief atmete er auf. Der rankende Wein an der Pergola wiegte sich im warmen Wind . Die Sonnenstrahlen schienen durch das Blattwerk hindurch, das seitlich an der Terrasse hochranke. Sie malten tanzende Bilder auf die weisse Tischdecke.

Maria war mittlerweile in der Küche verschwunden. Geschirr klapperte und der Wasserhahn zischte. Er wusste, das sie es nicht mochte, wenn er ihr in die Küche folgte. Das war schon immer so. Er war sich sicher, dass das daran lag, dass sie nicht wollte, dass er ihre geheime Zutat entdeckte. Er hatte sich nie getraut sie zu fragen. Als habe er Angst davor, durch das Wissen die Magie zu zerstören.

Strahlend stellte sie den Teller voll duftender Spaghetti al Ragù vor ihm auf den Tisch.

Es duftete nach Vollkommenheit. Sie setzte sich zu ihm und schaute ihm zu, wie er behutsam, ja fast ehrfurchtsvoll ein paar der Spaghetti auf seine Gabel aufrollte und sie dann zum Mund führte. Ihr Ragù war eine Offenbarung! Ganz langsam und genussvoll kaute er die Spaghetti, die sich mit ihrem leichten Biss mit den Aromen des Ragù zum vollkommenen Geschmackserlebnis vereinten.

Während sein Blick über die goldenen Hügel der Toskana wanderte, durchströmte ihn ein warmes, wohliges Gefühl.

Maria betrachtete ihn lächelnd.

Irgendwann würde er sich ein Herz fassen und sie nach der geheimen Zutat fragen. Irgendwann – nicht jetzt.

Handlungsorte sind die Pinienallee von Viareggio nach Torre del Lago Puccini und ein altes Haus, irgendwo auf einem Hügel, in der Nähe von Casciana Terme. Wie immer vermischen sich Fiktion und Realität.

Ein sehr gutes Rezept (vielleicht mit, vielleicht ohne Geheimzutat) für Spaghetti al Ragù findet Ihr hier: Spaghetti al Ragù

Infos zu den Kurzgeschichten:
In den kommenden Wochen erscheinen hier weitere Kurzgeschichten. Ich gebe dabei jeweils ein Land vor. Ihr dürfte auf Facebook, Instagram, oder auch hier auf dem Blog je drei Gegenstände nennen. Einen Eurer Vorschläge suche ich mir dann aus, um auf Basis dieser Wörter die nächste Kurzgeschichte entstehen zu lassen. Für diese Geschichte aus Italien waren es die Wörter Pinien, sanfte Hügel und Zypressen. Danke, an Kristina für den Vorschlag!

Nächstes Mal ist Portugal dran. Ich freue mich auf Eure Wortvorschläge!

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